Der Tod wird ein Meister aus Deutschland

„Die Sicherheit Deutschlands wird am Donbass verteidigt.“

Fiktionale/r Verteidigungsminister:in einer nachfolgenden rot-grünen Regierung

Denken Sie kurz über diesen Satz nach. War er Ihnen schon im Original auffällig? Kam er Ihnen damals schon als Lüge vor? Wahrscheinlich werden wir diesen Satz nicht hören, weil alle schon längst verstanden haben, was er bedeutet.

Wenn es war ist, dass die Wahrheit im Krieg als erste stirbt, so stimmt es auch, dass vor dem Krieg die Sprache zuerst sterben muss, damit man in ihrem Namen Lügen begehen kann. Und ihren Tod kann man sicher in den Gesprächen finden, die zwischen Befürwortern und Gegnern einer alternativen globalen, europäischen Sicherheitspolitik geführt wurden. Wahrscheinlich stehen sich diese Gesprächspartner nun sehr sprachlos gegenüber.

So sprachlos habe ich mich seit dem 25. Februar gefühlt, eine linke Positionem zum Angriff auf die Ukraine zu finden. Was sollte man sagen angesichts des bundesweiten Zuspruchs für mehr Rüstung, mehr Waffen für die ukrainische Armee, mehr Sanktionen und Isolation für Russland. Die Zustimmung für diese Politik weht durch alle Parteien – auch die Linken – mit der Setenz: „Jetzt“ müsse sich doch etwas ändern. Wenn keine Distanz, keine analytische Reaktion auf Weltereignisse zu finden ist, meint man immer gleich „Jetzt erst recht“, die eigenen Interessen durchrücken zu müssen, sobald es als möglich erscheint. Lange Jahre war es so oppoturn, den Verteidigungshaushalt möglichst bescheiden erhöhen zu lassen. Mich macht es sprachlos, dass eine Entscheidung, mehr Euro als je zuvor in die deutsche Armee zu investieren, im Bundestag mit frenetischem Applaus begleitet wird. Als hätte unser Finanzminister gesagt „Ab heute kenne ich keine Parteien mehr, ab heute kenne ich nur noch Deutsche.“ Mehr als 100 Jahre nach der Bewilligung der deutschen Kriegskredite haben wir ihn wieder, einen Abklatsch der Burgfriedenspolitik. Linder sprach „Friedrich Merz, wir werden nicht danach fragen, wer die Verantwortung für den Zustand der Bundeswehr hat.“ Aber wofür wählen wir dann noch? Wofür gab und gibt es Regierungen, als dass man sie für ihre Taten verantwortlich macht. Mit dem Burgfrieden verstummt das demokratische Gespräch.

Wie sollte man reden, wenn die einzige gegenteilige Antwort auf ein solches Ereignis aus der kleinsten Fraktionen des Bundestages kommt, die nicht nur zerstritten ist, sondern auch kaum beachtet wird, außerhalb ihres Streits? Wie kann man von Frieden reden, wenn es wenig mehr Gesprächsthemen gibt, wie sich eine Armee verteidigt? Wie wir uns verteidigen? Wenn es kaum Positionen dagegen noch Distanz dazu gibt? Wenn die Mehrheit der Gesprächspartner für eine Lösung des Konflikts aus dem Reiche autoritärer Politik kommen? Aus Großbritannien, aus Frankreich, aus der Türkei?

Wie soll man Antworten finden auf diese Katastrophe unserer Zeit? Wenn Vertreter:innen linker Politik von Moderatoren öffentlich-rechtlicher Sendungen drängend gefragt werden: „Wie sollen sich die Ukrainer:innen verteidigen?“

Ja, wie sollen sich die Ukrainer:innen verteidigen? Wir fragen nicht: Was sollen Ukrainer:innen tun? Haben wir vor 20 Jahren auch gefragt: „Wie soll sich die Bevölkerung Afghanistans verteidigen?“
Wo war so ein Drängen nach Solidarität mit der Bevölkerung des Jemens, die unter dem Krieg ihres Landes leiden? Wo waren da unsere Flaggen? Da blieb nur unsere Ignoranz

Unser Schock über das Heute, war allgemein, die vernommene „Zeitenwende“ ist politisch. Sie ist politisch, weil sie Waffen in Kriegsgebiete schicken will. Sie ist politisch, weil kaum ein Medium oder Journalist nach der Rolle des Westens, der NATO in diesem Konflikt fragt, oder darüber aufklärt. Sie ist politisch, weil die Not eines „europäischen“ Landes dazu missbraucht wird, Deutschland wieder in den Rang einer Militärmacht zurückzuführen. Weil sie die Geschlossenheit des mächtigsten Militärbündnisses herstellen soll, statt sie zu hinterfragen. Weil sie die Isolation eines der größten Länder und Nuklearmacht dieser Welt befördern soll.

Wir haben weißgott die falschesten Rezepte für die Lösung dieses Konfliktes gewählt. Wieviel Leid soll über diese Menschheit kommen, bis diese in blinder Wut oder lähmendem Schmerz zu einem Dialog zu sich selbst zurückkommt?

Glauben wir, dass die Rechte recht gehabt hätte?

Der große Schirrmacher (gott hab ihn selig) schrieb im Angesichte der Finanzkrise:

„Das komplette Drama der Selbstdesillusionierung des bürgerlichen Denkens spielt sich gerade in England ab. In einem der meistdiskutierten Kommentare der letzten Wochen schrieb dort Charles Moore: „[…] Hat die Linke nicht am Ende recht?“ Moore hatte das vor den Unruhen geschrieben und ohne jede Vorahnung. Ehrlich gestanden: Wer könnte ihm widersprechen?“

FAZ 2011 Bürgerliche Werte „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat.“

Heute spielt sich das weltumspannende Drame der Selbstillusionierung (der Linken?) über die Zukunft nach dem Ende des kalten Krieges ab. Allerdings sitzt nur der privilegierte Norden und Westen im Publikum. Die Menschen in Mexiko, im Jemen, in Afghanistan oder Syrien genießen schon lange nicht mehr den Frieden, von dem unsere verwöhnten und verschlafenen Geister so lange zehrten. Und noch viel mehr Konflikte gibt es und immer wieder brauchte es die einlullende, beruhigende und nur ganz punktuell eingreifende Politik der Merkels und Obamas vieler Länder. Es waren Politiker, die ehrenwerte Ideen der linken Politik in ihren Ländern und in der Welt einführen und Geltung verschaffen wollten. Es waren aber keine Politiker, die vor der beruhigenden und einschläfernden Idee einer gleißenden Zukunft nach dem kalten Krieg immun waren. Man könnte auch sagen, sie fielen derselben Selbstillusionierung zum Opfer, wie alle die am 24. Februar 2022 von einer neuen Welt sprachen.

Diese Selbstillusionierung des linken Denkens hieß: Es gibt keine Kriege mehr zwischen Staaten in Europa. Die Auseinandersetzungen und Kriege waren die Last, die der marginalisierte Süden dieser Welt zu schultern habe. Oft aufgrund der Arroganz und der Gier gegenüber an Opfern des Kolonialismus, des Ost-West-Konflikts. Das Elend, die Angst und die Zerstörung, welches wir heute obsessiv in der Ukraine beobachten, was wir als Grundlage nehmen, eine neue Rüstungspolitik fordern, herrschte schon lange auf der Welt. Und oft waren auch Länder mit demokratischen Systemen die Opfer.

Und nun winden wir uns aus den schweren Decken und Mänteln einer bequemen Nachkriegsordnung, wo wir frei reisen konnten, wo wir keinen Krieg zu fürchten hatte, wo unsere Freiheit und Demokratie nicht gefährdet war. Wer hätte gedacht, dass die Ankündigung, 100 Milliarden in die Armee zu investieren im deutschen Bundestag mit einer solchen Einigkeit beklatscht geworden wäre? Und genau mit umgekehrten Vorzeichen zu 2011 kehrt die Frage nationalen Verteidigungskraft, der Souveränität des eigenen Landes mit einer Kraft und Bewegung in die Köpfe zurück, dass ein Mensch wie Schirrmann nun hätte schreiben können: „Ich beginne zu glauben, dass die Rechte recht hat.“ Machen wir uns nichts vor, die Linkspartei wirkt in ihrem Protest gegen mehr Waffen, mehr Rüstung auf einem scheinbar verlorenen Posten. Verlässt die Linke die Position der antimilitaristischen Politik? Oder verlässt der Pazifismus die Linke? Ich schaffe es kaum zu formulieren, doch glaube ich, dass es rechte Ideen sind, die Probleme der Weltpolitik mit mehr Rüstung, mit mehr Waffen lösen zu wollen. Die Agressivität des Denkens, die die Finanzmärkte der Westens mit ihren wirtschaftlichen Spekulationen in die Höhe und dann in die Tiefen getrieben hat, treibt sie nun das militärische Denken in neue Höhen?

Fukuyama schrieb in seinem nun vollends widerlegten Werk „Das Ende der Geschichte“, dass sich der Drang des Menschen, sich selbst in den Kämpfen mit der Welt und seinen Menschen wiederzufinden, vom Platz der Schlacht zum Platz der Finanzmärkte bewegt hätte. Die Geschichte hat ihr Ende nicht gefunden. Es scheint, dass die Kriegslust der Menschen, sich nicht in den Versprechen des Westens, Marktwirtschaft und Demokratie auflösen könnte.

Ich will die Frage von Charles Moore nicht umreden, das ist mir zuwider und es wäre vulgär. Aber jetzt muss man fragen: Wer könnte dieser Frage heute widersprechen?

Ach? Man darf nachverhandeln?

„Die Schotten dicht machen. ~ nichts(beispielsweise Meinungen anderer) an sich heranlassen, sich verschließen.“

Wiktionary

Ich bin moralisch entrüstet. Worauf kommen mehrheitlich weiße, bürgerliche Schauspieler, die es sich im Showbusiness der Republik schön eingerichtet haben und denen die Langeweile in ihre EIgentumswohnungen und Häuser kriecht? Sie machen erstmal den Mund auf und machen schlechte (zumindest plumpe) Kunst! Und dann auch noch Kunst, die ich besser hätte machen können. Dann auch noch Kunst, die so tut, als sei sie kritisch? Ist sie wirklich kritisch? Oder ist zumindest kritisch genug? Mehr dazu hier:

#Allesdichtmachen ist mitnichten nur im Bezug auf den Sender der Botschaft zu verstehen. Die Reaktionen allenthalben in der medialen Bundesrepublik sind kaum anders zu beschreiben. Jede der (sehr spärlichen) guten Spitzen dieser Kurzvideos perlt ab an den moralgestälten Schotten (auch meinen) der Twitterianer, Fernsehmacher und Zeitungsgenossen. Ist diese Maßnahme jetzt aber irgendwie kritisch gewesen?

Man könnte sagen ja. Ähnlich wie andere Menschen mit beschränktem Ausgang transferiert sich die Unlust, der Schmerz und die Frustration in der Botschaft wie in dem Medium. Dürfen Adressaten, die die Kultur, die Bühnen, die Kunst und alles, was Unterhaltung schafft, bereitwillig abgezäunt und geschlossen haben, erwarten, dass aus diesen etwas eingerosteten Schauspielern noch gute Pointen, konzise Erzählungen und scharfe Witze rauskommen? Nein! Wir bekommen die geschauspielerte Schauspielerkritik, die wir verdienen. Von daher war dieser Auftritt schon kritisch, weil er subtil die Konsequenzen vermittelt, mit denen die Schließungen in der Kultur einhergehen. Wenn wir keine Möglichkeit haben, unsere innergesellschaftliche Kommunikation mit Mitteln der Kunst zu üben und zu präzisieren, verlieren wir die Fähigkeit, andere Meinungen aufzunehmen und uns mit ihnen zu beschäftigen.

Man kann die Gesellschaft als eine Überlagerung von Systemen betrachten, die miteinander sehr koordiniert kommunizieren. Die Irritation in einem System erschafft die Irritation in einem anderen System. Das System der Kultur wurde – wie man jetzt merkt – dem System der Gesundheit krass untergeordnet. Bei der Betrachtung von #allesdichtmachen geht es kaum mehr um die Beachtung wie um die Wahrung der Form. Denn auch ein schlechter Witz ist immer noch nur ein Witz. Es kann seinen Grund gehabt haben, dass so viele Schauspieler eine solche Form wählten, um zu kommunizieren.

Und auch wenn man diesen Witz als schlechte Wahl kritisieren mag: Wird diese Form überhaupt der Situation gerecht? Gerade eben nicht!

Der Ansatz der Schauspieler war nicht mutig genug! Auch wenn ich Ihnen aus vollstem Herzen nicht zustimme, hätte ich mir mehr Härte in der Sache gewünscht! Was war das für eine hohle, ja fast schon recht feige Nummer mit den Papiertüten? Diese Paraodie zerbricht vor den sehr graphischen Aufnahmen einer Beatumungsmaschine! Dabei hätte in der Konfrontation mit der moralinsauren Tod-oder-Leben-Fraktion ein härteres Geschütz aufgefahren werden können. Beatmungsmaschinen gab es schon vor Corona. Bei anderen Pandemien sind sehr viel mehr Menschen gestorben. Das Leben selbst beinhaltet schon den Tod und es sind die Umständes dieses Todes, über die wir reden sollten.

Wir brauchen einen Anti-Rezo! Nicht, dass ich mir einen wünsche, aber es geht nicht, dass ein blauer Wuppertaler Wuschelkopf vorgeben darf, was moralisch ist. Eine Gesellschaft kann auf einer Welle zwar überleben, wenn sie die Schotten dichtmacht. Aber dazu ist Kommunikation nötig. Und die funktioniert nicht, wenn jeder die Schotten dicht macht.

Die „wissenschaftliche“ Wut auf die Politik ist sehr weiß

„Man hätte es vorhersehen können.“

– Klytaimnestra (frei erfunden)

Was bekommt gerade nicht alles an Wut mit. Von Rezo, der Quarks und Co-Redaktion, von diversen anderen deutschen (meist weißen) Youtubern. Von Wissenschaftlern wie Melanie Brinkmann. Zu Recht und mit Verständnis.

Ich frage mich: Warum ist diese Kritik so verdammt weiß? Warum wird so getan, als sei es ein „Lack of Charakter“, der für die jetzige Corona-Situation verantwortlich ist? Alles sind wütend

Alle sind wütend. Sind wütend…

Und ich sage jetzt:

Nein!

Ich bin nicht wütend, ich reihe mich nicht ein in diese typisch deutsche Erwartungshaltung, dass ja die Politik doch an allem schuld sei. Genau so hätte man seine Empörung, seine Enttäuschung über die NSU-Morde, die Toten von Hanau, Halle oder welche Orte man sonst anführen möchte, weil man die Namen der Toten weder kennt, noch lesen oder schreiben kann. Und da gab es keinen Rant. Da scharrte kein Integrations- oder Politikforscher in einer Talkshow „Ich rede jetzt“. Da gab es keinen Rant von Rezo, Quarks oder anderen (weißen) Youtubern. Erst wenn es sie selbst trifft, erst wenn sie selbst von den Folgen der Politik betroffen werden, begehren sie auf. Was sie auch verständlicherweise tun dürfen. Und ich liebe Wut, bitte macht weiter so, damit diese Parteien, die dafür verantwortlich sind, in dem Elend versinken, dass sie moralisch verdienen.

Aber werft euch nicht in die Brust, ihr könntet die Welt, die Wissenschaft oder eine weltweite Pandemie verstehen und erklären. Tut nicht so, als sei die Welt einfach, der Zorn leicht zu kanalisieren und das alles auch noch gerecht.

Denn genau das ist sie für Menschen mit Migrationshintergrund, für Nicht-Weiße, 365 Tage im Jahr. Und noch nie hat eine Person des öffentlichen Lebens sich über Rassismus empört mit den Worten „Man hätte es vorhersehen können.“

Rationale Argumente wären: Rassismus ist ein menschliches Verhalten, ein Virus ist Biologie. Das eine sind gesellschaftliche Strukturen, dass andere ist wissenschaftlich leichter zu analysieren.

Aber da sag ich mir: Darüber redet ihr ohnehin nicht. Ihr alle redet darüber, was Politiker tun sollen. Das ist Gesellschaft. Das ist genau dieselbe Struktur. Einmal verhindert sie nicht, dass Nicht-Weiße getötet werden. Einmal verhindert sie nicht, dass sich ein Virus ausbreiten kann.

Aber wie ihr gerade alle aufsteht und ganz plötzlich eure Gefühle nicht mehr zurückhalten könnt. Shame.

Wenn es nicht so lustig und nicht so wichtig wäre, um politisch etwas zu bewegen würde ich sagen: Hört auf. Hört auf euch in euren Privilegien, auch mal wütend sein zu dürfen, zu ereifern. Hört auf, schlechte Politik mit schlechten Politikern zu erklären. Lernt einmal von den wahren Opfern der Gesellschaft, einen kühlen Kopf zu behalten. Hört auf, das Wort „Wissenschaft“ im Mund zu führen, wenn ihr öffentlich rantet. Bezieht euch nicht auf Autoritäten. Lernt, klug zu argumentieren.

Wenn es nicht so schlimm wäre, würde ich mich jetzt gerne weiter ereifern. Aber manche Menschen müssen ihre Hitzköpfigkeit zügeln, damit andere sie ausleben können.

„Die Geister, die ich rief…“ – Implikationen einer Politisierung der Wissenschaft

Die Leopoldina hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie sich für einen harten Lockdown ab 14. Dezember 2020 ausspricht. Die Formulierung lautet „[…] ist es aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern.“

Das ist erstmal nicht zu verurteilen. Jeder Zusammenschluss von Menschen, so wie es auch die Leopoldina ist, darf und sollte sich an unserer Meinungsdemokratie beteiligen. Aber ist es einfach eine Meinung? Aufhorchen lassen sollte die Formulierung „aus wissenschaftlicher Sicht“. Das ist ein großes Kaliber. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte eigentlich eine besonders vorläufige und vorsichtige Maßnahmenempfehlung folgen. Unabhängig davon, ab die Leopoldina Recht hätte, gibt es keine wissenschaftlich ausreichend fundierte Erkenntnis, dass ein harter Lockdown die Anzahl der Neuinfektionen noch schnell und drastisch verringern kann. Die Leopoldina will – oder sollte zumindest – sagen, dass man es versuchen sollte. Die Gründe führt sie sodann auf.

Es sterben Menschen und Menschen sind an der Grenze der Dauerbelastung. Die Gesundheitsämter sind überfordert. Wenn dieses wichtige System unserer Gesellschaft ausfällt, werden die Folgen unabsehbar schlimm.
Gut, das überzeugt den Pragmatiker in mir. Aber:

Aber dafür ist ein Gremium wie das der Leopoldina nicht da. Wissenschaftler sollen und dürfen nicht der Anwalt der Risikogruppen, des Gesundheitspersonals und schließlich des Gesundheitssystems selber sein. Aber das Wollen sei kurz dahingestellt, das Wie will uns die Leopoldina auch erklären. Mit einem zweistufigen Verfahren sollen ab dem 14. und ab dem 24. Dezember nach und nach Kontakte reduziert, alles aufs Homeoffice nach Möglichkeit umgeleitet, Gruppenaktivität eingestellt und auf jede Präsenz verzichtet werden. Dazu sollen Geschäfte schließen müssen, Weihnachtsferien verlängert werden, Zusammenkünfte und Urlaub unterbleiben und soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert werden.
Nicht, dass ich die Wende gegen eine durchkommerzialisierte Weihnacht nicht unterschreiben würde, aber eine Institution der Wissenschaft gebietet uns eine feierliche Frömmigkeit, die den Aufrufen kirchlicher Institutionen nach Demut und Enthaltsamkeit in nichts nachsteht. Man könnte fragen:

Wo sind die Appelle der Juristen, der Politiker, der Ärzte, der Philosophen, der Kirchen, einen harten Lockdown zu fordern? Warum traut sich dieses System der Gesellschaft zuerst und sonst kein anderes?

Bisher sei zu konstatieren, die Dominanz, das quasireligiöse Selbstverständnis und das Machtgefühl der Leopoldina ist bemerkenswert – im Wortsinne. Die L. fordert den harten Lockdown mit sehr großen Argumenten. Sie setzt eine Wirksamkeit seiner Forderung voraus und betitelt dies „wissenschaftlich“ und – das sei folgend gezeigt – sie lässt eine eindrucksvolle Macht wirken.

Denn die L. hat uns auch die Abwägung von Menschenleben mit anderen Rechtsgütern abgenommen. Denn natürlich sieht die L. ein, welches Opfer es einfordert:

„Aber zu den Feiertagen die nächsten Angehörigen bzw. Menschen des engsten sozialen Umfeldes nicht zu sehen, wäre für viele Menschen mit sehr großen sozialen und psychischen Belastungen verbunden. […] Dabei muss man sich aber der Risiken bewusst sein und daher die folgenden Regeln einhalten:“

Das Bedürfnis von Menschen, sich zu sehen und nahe zu sein, wurde schon abgewogen und mit dem Befolgen von Regeln quittiert. Die Diskussion hat sich anscheinend also schon erledigt. Gut zu wissen. Für wirtschaftlich motivierte Widersprüche hat sich die L. aber auch eine Lösung zurecht gelegt.

„Verschärfte Maßnahmen sind auch aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll. […] Ohne verschärften Lock-down in der Weihnachtspause besteht die Gefahr, dass der aktuelle Teil-Lockdown mit seinen Beschränkungen für Monate aufrechterhalten werden muss. Dies würde neben ausfallender Wertschöpfung auch zu hoher Belastung der öffentlichen Haushalte führen, weil die geschlossenen Unternehmen Überbrückungshilfen benötigen.“

Interessant ist zum einen, dass es anscheinend die wirtschaftliche Perspektive gäbe und keine sich entgegengesetzten Interessen. Händler in Innenstädten werden vermutlich weniger von dieser wirtschaftlich sinnvollen Perspektive halten, als z.B. Amazon oder generell Online-Händler. Darüber hinaus legitimiert die L. offensichtlich, dass öffentliche Haushalte nicht belastet werden sollten, obwohl es sehr wohl eine politische Entscheidung ist, Haushalte zu belasten (zumindest hat sich die L . damals zu Fragen, ob in der Bankenkrise Banken zulasten öffentlicher Haushalte gerettet werden sollten, gepflegt zurück gehalten).

Der Rest der Stellungnahme sind gute Ratschläge, denen man nur beipflichten kann.

Aber, was ist das für ein Phänomen? Gut bezahlte Wissenschaftler, deren Arbeit und Einkommen allenfalls gering von der Pandemie beeinflusst werden, werfen sich das Attribut „wissenschaftlich“ an ihre Forderungen und glauben – und wissen wahrscheinlich auch –, damit Erfolg zu haben. Der große Beginn der „March for Science“-Bewegung ist noch nicht lange her. Das Denken, dass sich in diesem Machtbewusstsein äußert, hat gute Gründe, eine gute Argumentation und den Nimbus der einzigen Religion, die der Moderne wahrlich geblieben ist: Die Wissenschaft. Ihre Innovationen, Techniken und Welterklärungen haben uns erst bereicht, dann erfüllt und nun dominieren sie uns (zurecht?).

Der Geist kam aus der Flasche, als die Kirche begann, ihr Monopol auf die letztgültige Wahrheit zu verlieren. Die Handelsbeziehungen der Wissenschaft wurden in den letzten 200 Jahren ausgebaut und scheinen nunmehr immer bereiter, der Kirchen Rolle vollends zu übernehmen. Wer braucht ein Leben nach dem Tod, wenn er bis zu 100 Jahre alt werden kann?

Man mag sich irren, in welcher Überzeugung die L. diese Stellungnahme geschrieben haben mag. Sie hat gute Gründe, ihre Forderungen zu stellen, deren Wirkungen wahrscheinlich – aber auch hoffentlich – absolut geboten sind. Aber man darf und sollte sich ab und an daran erinnern, dass eine „wissenschaftliche Sicht“ das Ergebnis dessen vorweg nimmt, was wir Politik nennen.

Ein jüngst veröffentlichtes Buch von Arnd Henze heißt „Kann Kirche Demokratie?“. Aber mich beschleicht langsam der Zweifel, ob man diese Frage wirklich der Kirche stellen müsse…

(Hochzeit der akademischen Wissensform ahoi!)

…Und dann wählten sie Hitler einfach ab…

Viel sollte man und kann man auch gar nicht über den jetzigen Zeitpunkt sagen, aber vielleicht soviel:

Das Volk der USA hat in den letzten Tagen abgestimmt. In Senat, Kongress und Präsidentschaft haben sie gewählt, wer die Geschicke dieses Landes weiterführen soll. Sowohl in Legislative als auch in Exekutive liegt ein Vorsprung – wenn auch ein dünner – bei den Demokraten.

Es gäbe hier viel zu sagen, was immer noch oder bisher in den USA schief läuft. Von den Defiziten in der Gleichheit und Freiheit der Wahl und auch von den Unzulänglichheiten der beiden Kammern, einen Kompromiss und einen Konsens zu finden.

Aber jetzt ist es angemessen, einen vorläufigen Blick auf die letzten 4 , beinahe unglaublichen, Jahre zu werden. Diese Jahre waren geprägt durch Spaltung, Streit und einen rechten Diskurs., der durch den ganzen Globus geht. Soviel ging zu Bruch, was internationale Zusammenarbeit und genereller Glaube an Werte und Menschenrechte bis dahin erreicht hatten. Und jetzt ist soviel wieder aufzuarbeiten: Black Lives Matter, Fridays For Future, schon zwei Namen reichen, um von globalem Rechtspopulismus, Rassismus, Sicherheitspolitik über Klimawandel, zerfallenden Multilateralismus hin zu den Entwürfen zukünftiger Linien politischer Gestaltungsprojekte besonders relevante Herausforderungen zu kennzeichnen. #Metoo und #Wearethe99percent zeigt den Zustand heutiger gesellschaftlicher Ausgangsbedingungen, unter denen diese Herausforderungen bewältigt werden müssen. Sie müssen emanzipativ und sozial sein. Und all das hat Trump nicht erfunden. All das kann keine Person als Symbol oder Identität in sich aufnehmen. Und daran lassen sich die letzten 4 Jahre auch bewerten. Die USA war – in ihrer unkooperativen Haltung – ein unabdingbarer Faktor darin, um westlichen Fortschritt zu erzeugen. Und sie konnte – und wird wahrscheinlich auch nicht mehr – nicht diese Rolle spielen. Die Abhängigkeit des Westens zu seinem scheinbaren Vorreiter seiner Werte ist ein deutlicheres Symptom für die Zustände, die Trump ermöglichten, als Trump selber sein kann. Die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft ist für diesen Staat selber das deutlichste Zeichen dafür, dass der Pax Americana an ihr Ende gefunden hat. Dass der Irrsinn internationaler Konfliktprävention letztendlich in den Irrsinn nationaler Konflikte mündet (eigentlich führte man doch immer Krieg UM im eigenen Land die Wahlen zu beeinflussen), scheint sich als Wahrheit langsam zu konkretisieren.

Und auch, wenn wir, um mit einem fiktiven 1937 zu sprechen, Hitler nun abgewählt wurde, was kommt danach? Wird Geschichte von einem Mann, einer Partei, einem Land und dann durch deren Sieg oder Niederlage geschrieben? Wahrscheinlich nicht. Es war lediglich eine Wahl, die dem Rest der Welt deswegen wichtig war, weil sie eine bestimmte Person nicht mehr sehen wollen. Die US-Amerikaner haben nicht den selbstlosen Weltfrieden, die ökologische Revolution oder die solidarische Umverteilung gewählt. Sie wählten mehrheitlich Biden.

Was kommt nun? Vielleicht zitieren wir wieder einmal Hegel, um ein bisschen uns von Trump entwöhnen zu können:

„Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte

Wir können nur hoffen, dass irgendjemand aus diesen vier Jahren lernt. Trumps vier Jahre entschuldigen keine Ungerechtigkeit, die jedes Land der Erde in den letzten vier Jahren auf die Welt gebracht hat.

Ein Lob für die Provokation – Tim Sebastian und Conflict Zone

Ich muss eine Lanze brechen für eine Interviewreihe, die nichts schönes hat. Ein Gesprächsmodell, das bisweile im abpruptem Verlassen endet, dass unfair erscheint und es mitnichten nicht ist. Dieses Gespräche sind die Interviewreihen von Tim Sebastian.

Wenn Roger Willemsen, mit seiner unverfrorenen, aber immer noch schalkhaft-liebevollen den Gegenpol eines tiefschürfenden, aber immer noch respektvollen Interview-Modells abbildet, so ist Tim Sebastian, ein diabolisch anmutender Gegenpol. Seine Gäste beschweren sich oft. Über „irgendwelche“ Zitate, mit denen er sie konfrontiert, über schnelle Vorwürfe und noch schnellere Schlüsse aus ihrem gerade Gesagtem.

Man darf Sebastian einen Vorsatz unterstellen. Oft erwähnt er „I’m the one asking questions, you are the one asking them“ oder „I know that you do know the answer“. Tim Sebastian erregt den Unmut, wie man vor vier Jahren in einem Interview mit Frauke Petry erleben konnte, als sie sich darüber beschwerte, welche Themen er aussuche. Ich finde sie hat recht. Aber ich glaube auch, dass Sebstian wusste, dass sie recht hat. Weil es nicht die Rolle eines Journalisten ist, fair zum Gegenüber zu sein. Er ist kein wohlmeinender Elternteil, der beiden Kinder die Chance zum Aussprechen bietet (was Tim Sebastian dennoch zulässt, nur scheinen das viele Gäste nicht zu bemerken). Ein Journalist ist fair zur Wahrheit und das begründet vielleicht auch den Stil von ihm, dauernd Zitate, Statistiken oder andere Quellen heranzuziehen um den Gast damit zu konfrontieren. Bei jeder Konfrontation kann er sich darauf zurückziehen. Aber was die Gäste vor allem irritiert ist, dass er den argumentativen Standpunkt seiner Frage schnell wechselt. Mal stellt er den Bundestagspräsident Schäuble infrage, zu den verschuldeten Griechen zu streng zu sein, mal das Gegenteil. Es ist aber, und das ist vielleicht die größte Ehrlichkeit, die diese Interviews bieten, nicht die Rolle eines Interviewers, logisch konsistent zu sein. Ich finde, ein Interview dient dazu, den Menschen, der da spricht kennenzulernen. Da der Standpunkt von Tim Sebastian nicht interessiert, ist es der Standpunkt und das Wesen des Gastes.

Am ehrlichsten empfand ich eine Stelle in dem Interview, in der Frauke Petry sagte, Sebastian solle andere Fragen stellen. Frauke Petry war gereizt und sichtlich unzufrieden über den Verlauf des Interviews. Ich vermute, dass es durchaus in der Absicht von Sebastian gewesen sein könnte, diese Situation zu erreichen. Der Durchbruch der Emotionen bei einem Politiker ist ein ehrlicher Moment, den ein Politiker wahrscheinlich nicht zulassen will. Er will und darf nicht zornig erscheinen. Er muss und sollte die Geduld behalten. Vergleiche mit anderen Interviews, in denen Sebastian andere deutsche Politiker ähnlich gewollt und ähnlich erratisch in Bedrängnis brachte, zeigen, dass es möglich ist, zwar gereizt, aber immer noch das Gesicht wahrend, das Gespräch zu führen. Vielleicht kann man es als einen Charaktertest ansehen, diese Interviews zu überstehen.

Aber was heißt das für die Medien? Was kann man daraus lernen?

Man mag sich an ein jüngeres Interview mit Björn Höcke erinnern, indem er, nachdem er und sein Pressechef einen Neubeginn des Interviews verlangt hatten, das Gespräch abbrach und mit Konsequenzen drohte. Diese Momente sind ehrlich, in ihnen erfahren wir, wie Menschen in gereiztem Zustand handeln. Dabei war dieser Zustand weniger dem Interviewer, als der Verfasstheit Höckes und der scheinbaren Desinformationen durch seinen Pressechef zuzuschreiben. Aber es wurde ein Signal dafür, wie menschlich und auch wie schwächlich Menschen wirken können.
Daraus zu lernen hieße, zwischen Politik und Medien eine Distanz und Schroffheit einzufordern, die den Interviewer und seinen Gast dazu anhält, nie zu vergessen, dass sie eine Rolle zu spielen haben.
Damit die Wahrheit endlich die Bühne betritt.

Hier einige der Videos:

Kanzel-Kultur

„Es war nicht alles schlecht unter Gott. Gut war zum Beispiel, dass alles schlecht war.“

– Lisa Eckhart, Die Vorteile des Lasters

Wir leben in gottlosen Zeiten. Und weil das so ist, weil wir das gelobte Land von Gerechtigkeit und Solidarität hinter uns gelassen haben, versuchen wir irgendwie, dahin zurück zu kommen. Weil wir nicht mehr im Himmel sind, so versuchen wir, uns den Himmel ein kleines bisschen, auf die Erde zu holen. Dies ist ein Text über die quasireligiöse Linke, ein Versuch über die Angst, falsche Dinge zu sagen, zu denken oder denken zu lassen.

Ungerechtigkeit hat viele Gesichter, sie kann aus Armut, dem Geschlecht, der Herkunft, der Hautfarbe oder aus vielem anderen bestehen. Fest steht: Wir leben in ungerechten Zeiten. Ungerechteren vielleicht als sogar noch früher. Früher. Als die politische Landschaft noch in Bewegung und die Geburtenraten hoch waren. Früher. Als man noch in der Universität rauchen durfte und sich jeder für ein Revolutionär hielt. Als Studenten noch nicht das Synonym für bulimielerngeplagte, lifestyledogmatische Karriefetischisten waren.

Die Ungerechtigkeit von Früher verblasst oft mit der Zeit. Sicher, räumen viele ein, auf einer bestimmten Ebene – der des Rechts oder der der öffentlichen Akzeptanz – sei zwar einiges besser. Aber haben einem – so fragen manche gewollt in eine Kamera – einem die nach Selbstbestimmung rufenden Frauen nicht auch gefehlt? Geht es den heutigen Feminist*innen nur noch um Geld in Quotenplätzchen und Aufmerksamkeit?

Mitnichten, doch das, was wir heute sehen, ist das mediale Aufspielspektakel, dass unsere nach Sensationen gierenden Gesellschaft des neoliberalen Spätkapitalismus so sehr „feiert“ und danach giert.

Was kommt da, wenn man von abgesagten Auftritten hört, die auf mögliche Irritationen und Ängste wegen den Inhalten zurückgehen? Man müsse endlich mal Toleranz zeigen! Es sei an der Zeit, endlich wieder Argumente zuzulassen! Man müsse sich auch Unangenehmes anhören!

Klingt das nicht, wie von der Kanzel herab gesprochen? Die Reaktionen nach Auftrittsabsagen, nach dem möglichen Vorwurf, das Programm könne Verwerfungen hervorrufen, sind bombastischer und aufmerksamkeitserregender als jede Pointe, die ein Serdar Somuncu, eine Lisa Eckhart oder ein Dieter Nuhr abliefern könnte. Der Reflex entspricht einem quasireligiösen Gefühl, das einem sagt, jetzt müsse man jedem auf der Welt – und somit auch Gott – zeigen, wie sehr man liberal und offen für andere Inhalte sei. Und damit nicht genug, von der Kanzel herab der Aufruf zur Liberalität gesagt, können viele gar nicht aufhören, über sich den möglichen Inhalt kontroverser Diskussion ergehen zu lassen. Wäre Frau Eckharts Video beim WDR bei Nuhr überhaupt so oft angeschaut worden, hätte man ihr nicht abgesagt? Die Lust an Empörung, die lustigerweise erst nach dem Aufruf von der Kanzel aufflammt, ist die beste PR und Medienstrategie.

Wir können nur ins gelobte Land, wenn wir uns und allen zeigen, dass in unseren Herzen schon dieses gelobte Land hersche.

Das Gute daran, wenn alles schlecht ist, liegt in dem Aufheben des Zwanges, etwas Gutes vorzuspielen. Gerade die Ärmsten, die Unterprivilegiertesten wissen, dass keine Sprachregelung, keine Empörung und auch keine Selbstkritik darüber wird hinwegtäuschen können. Das soll es auch nicht. Das Zeigen der Wunden hilft schon, sie zu ertragen. Das geteilte Leid lindert. Lasst den Armen, den Hoffnungslosen, den Sexualisierten, den Stigmatisierten, den Analphabeten den Raum. Den Raum, den ihr mit eurer kümmerlichen Critical Whiteness, mit eurer Meinungsfreiheitsempörung, mit eurem Wort der Cancel Culture, dem ominösen Mansplaining und Bagspreading zumüllt. Lasst eure Kanzelkultur sein! Gebt das Wort an das billige Publikum!

Die Universität nach Corona; oder: Der Tag X!

Was bring die Zukunft? Normalerweise fragt man sich das an Sylvester oder am späten Abend, wenn man sehnsuchtsvoll in den Himmel schaut. Oder wenn man investieren will. Das Wissen um die Zukunft ist meist nur praktisch motiviert. Welchen Nutzen hätte ein Wissen um die Zukunft, dass nur kontemplativ verarbeitet wird?

Der Anlass zur Frage liefert natürlich die aktuelle Berichterstattung die sich brennend für das Abschneiden deutscher Universitäten in internationalen Vergleichen (deren Aussagekraft hinterfragenswert erscheint) interessiert. In Zeiten einer Pandemie, wie kann man eine solche Publikation eines internationalen Vergleichs überhaupt für durchführens- oder wünschenswert halten? Aufgrund der Reisebeschränkungen existiere ja ohnehin nur eine sehr geringe Mobilität unter den Lehrinstitutionen. Aber vielleicht kann man – und das soll der Beitrag aufzeigen – eine andere Motivation dieses offenkundig sinnlosen Vergleichs aufzeigen.

Der Tag X nach Corona: Der fiktionale Tag, an dem die Beschränkungen fallen und wieder Massen auf die Strassen, in die Unternehmen und auch in die Universitäten strömen, wird vermutlich nicht kommen?

Warum? Es könnte sein, dass mit der jetzigen Universitäts- und Lehrverwaltung ein Zustand einer quasi-Normalität fortzuschreiben versucht wird, an deren Ende Erkenntnisse bleiben, die eine alte Normalität unmöglich machen. Dass die internationalen Vergleiche zwischen Universitäten fortgeschrieben werden, also eine Vergleichbarkeit vorweggenommen wird, zeigt vieles, aber eines nicht: Die Markierung eines Umbruchs. Und diese Umbrüche sind bedeutend, weil sie a) global geschehen und b) sich wirtschaftlich tiefgreifend abzeichnen. Es ist schwer und entbehrt auch einer gewissen Logik, zu einem Status quo ante corona zurückzukehren. Wieso wieder zu analogen Meetings oder Massenvorlesungen zurückzukehren? Welchen Mehrwert haben Universität oder Gesellschaft dabei, zu einer Lebensform zurückzukehren, die von Pandemien gestört werden kann? Gerade der Vorteil, unabhängig von äußeren Faktoren zu sein, könnte sich in der Abwägung zukünftiger Lehr- und Wirtschaftsbetriebe als durchschlagend erweisen.

Vor ein paar Monaten hat Mathias Fuchs darauf hingewiesen, dass sich die globale Entwicklung von Universitäten in angelsächsischen Ländern derart niederschlägt, dass sie möglichst viele Immobilien und Personal abbauen wollen, in Ländern mit anderen akademischen Traditionen sieht die Entwicklung noch anders aus.
Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass sie stark die Tendenz hervorzeigt, die Frank Donoghues in „The last professors“ aufgezeigt hat: Der Lehrbetrieb soll rationalisiert, verschlankt und soweit durchautomatisiert und digitalisiert werden, dass sich die protestantische Arbeitsethik auf die Schulter klopfen kann. Es ist gerade der Blick, der aus den internationalen Vergleichen hervorgeht, der nur die Profite und die Effizenz einer Universität wahrnimmt und die Verluste und Kosten, die anderen Menschen (das Lehrpersonal und die Studenten) dadurch enstehen, ignoriert.

Ich will den Tag X als eine Fiktion utopischer Hoffnung erscheinen lassen. Der jetzige Zustand der Universitäten, die heutige Zeit in der globalen Pandemie, die kontroverse Strategie der Regierungen: All das wirkt nur vernünftig, solange man sich einen Tag X vorstellen kann. Solange man sich einreden kann, dass irgendwann ein Fest ohne Maske, Mindestabstand und Rückverfolgungsliste stattfinden wird, solange erträgt und erduldet eine zahme Seele alle heutigen Einschränkungen. Aber es darf nicht vergessen werden, dass die Uniersitätsverwaltungen, Regierungsangehörige und auch die Gesundheitsbehörden nur Menschen sind. Im Guten wie im Schlechten folgt daraus auch eine sich einstellende Bequemlichkeit, die eigenen Maximen zuungunsten anderer Bereiche und Felder auszubreiten.

Der Arzt und der Regent, der uns am leben lassen will, er muss uns auch die Freiheit zur Krankheit und zum Tode lassen².

²Auf gegenderte Wortformen wurde verzichtet. Eine Selbstreflektion folgt, die dieses Handeln zu erklären versucht.

Das Ende des Sozialstaats – der Beginn postmoderner Fürsorgekonzepte

Die Lust, Apokalypse, Krisen oder Umbrüche anzugeben, ist verführerische Tat, egal, was man über die Kinder, die „Wolf“ rufen, sagen mag. Es gibt einem Macht, es gibt einem Aufmerksamkeit, es gibt einem Autorität, wenn man einmal Glück hatte mit seiner Prophezeiung. Verschwörungstheorien bleiben nur Theorien, Glaube und Mystik, bis man Evidenz anführt, zusammendichtet oder herstellt, die einem Recht zu geben scheinen. Was wäre, wenn man eine Krise erlebt – und niemand hatte sie prognostiziert?
Hallo Covid-19!

Aber Covid-19 ist keine Apokalypse, das Virus selbst ist keine Krise und ein Umbruch wird nur von Menschen erzeugt, wenn sie es als sinnvoll empfinden. Menschen wurden erst dann Sammler, als es profitabel, sicher und langfristig wurde. Also macht es wie immer Sinn, nicht auf die Ursache einer Krise zu schauen, sondern sich den Umgang unterschiedlicher Gruppen und Gesellschaften vor Augen zu führen. Hier soll also ein kleiner Vergleich mit unterschiedlichen Ländern geschehen, durch den spekulative Thesen herausgezogen werden sollen.

Schweden und Deutschland: Gesundheit
Schweden hat – als eines der wenigen Länder Europas – quasi Status eines Menschen, der sich nicht impfen ließ und auf die Vorsorge und den gesunden Menschenverstand aller anderen – seiner Bürger und Nachbarstaaten – hoffte. Deutschland hingegen versucht, die Beste aller Welten zwischen Lockdown und Lockerungspolitik zu erschaffen. Bisher mit einigem und nun mäßiger werdenden Erfolg. Die Wohlfahrt scheint hier als Mischung von Gesundheit der Bevölkerung und Wohlergehen des Konsum- und Erwerbslebens zu gelten. In Schweden wurde deutlich, wie sehr Wohlfahrt besonders als Wirtschafts- und Konsumgut wahrgenommen wurde. So kann man auch Impfgegner sehen. Es muss nicht gleich die Reptiloidenübernahme drohen, aber gerade eine der Errungenschaften von Wohlfahrts- und Gesundheitsstaat ist es, dass Voraussetzungen geschaffen werden, die das Überleben jener ermöglichen, die ohne seine Leistungen (Herdenimmunität, gesicherte Existenzen) sterben oder zumindest verwahrlosen. Was heißt, dass Schweden ist sich – zynisch gesprochen – höhere Todeszahlen älterer Bevölkerungsgruppen „leistet“, um von seinem Wirtschafts- und Konsumleben weniger aufgeben zu müssen, Älteren Schweden ist ein Staat, der sozusagen das Leben macht und Sterben lässt.

Schweden und Deutschland: Klima
Deutschland hat – im Vergleich zu allen europäischen Staaten – eine der größten wachsenden Industriewirtschaften – und daher größeren Einfluss (manche würden sagen: Verantwortungen) darauf, wie Industrien oder die Wirtschaft im Allgemeinen mit der Umwelt umgehen.
Der Einfluss des Klimas auf das Wohlergehen – Gesundheit und Wirtschafts- wie Konsumgüter – ist in seiner Größte kaum zu unterschätzen. Interessant ist, wie z.B. hier unterschiedliche Klimaregeln Wirtschaft und Konsum beeinflussen. Die CO2-Steuer, die in Deutschland eher niedrig ausfiel, ist in Schweden eine der höchsten Abgaben. Das Wohlergehen wurde aufgeteilt in eine mögliche Abwendung klimaschädlicher Verhaltensweisen und der Hemmung von Investition und Konsum. Auch wenn der relative Anteil der CO2-Emission Schwedens gering ist, so wurde die hohe Steuer für die Schweden eine Art Anteilnahme des Versuchs zur Erhaltung eines menschenfreundlichen Klimas.
Deutschland, das Land, das erst 2038 die Kohlenutzung und erst 2050 ihr Emissionsdefizit abschaffen will, hat sehr viel schwächere Versuche unternommen, einen Anteil zur Erhaltung eines menschenfreundlichen Klimas beizusteuern. Dies äußert sich größerer wirtschaftlicher Aktivität höherem Konsum in der Gegenwahrt, aber würde – theoretisch gesprochen – mit höheren Einbußen (auch Toten) in der Zukunft bezahlt werden. Deutschland ist sozuagen der Staaten, der jetzt Leben macht und später Sterben lässt.

Was kann uns diese Beobachtungen möglicherweise über die Behandlung älterer Menschengruppen gegenüber jüngeren verraten?
Auf der einen Seite lässt Schweden Menschen heute eher sterben als in Deutschland und will das Leben in der Zukunft in einem menschenfreundlichen Klima eher erhalten als Deutschland. Aktive Taten heute und abstrakte (symbolische) Taten für die Zukunft. Schweden ist von der Altersstuktur (etwas) jünger als Deutschland. 22% über 65-jährige im Vergleich zu 20% in Schweden. Es könnte sein, dass Schwedens Regierung eher nicht an die (alten) Menschen von Heute, sondern an die (jungen) Menschen von Morgen dachte.
Es ist am Ende dieses Denken, dass sich in den Försorgekonzepten jeweiliger Länder niederschlägt.

Hier endet der Vergleich und es beginnt die Frage, was das mit dem Blick in die Zukunft zu tun haben könnte. Vielleicht das: Wir gehen so mit der Zukunft um, wie wir mit den Zukünftigen unserer Gegenwahrt umgehen. Zumindest politisch. Wahrscheinlich sind sehr konkrete Sorgen in Bezug auf die Gegenwahrt – jetzige Rentenzahlungen, jetzige Wohlstandseinbußen, jetzige mögliche Corona-Tote – ausschlaggebender für die Politik, als abstrakte Gedanken der Zukunftssorge (so, wie es Precht formuliert hat).

Es gibt keinen Grund, Angst vor einem Umbruch zu haben. Ein Umbruch hat menschliches Handeln als Ursache. Und das heißt, das Menschen sich ändern müssen. Schon die schwankende Disziplin, eine Corona-Infektion zu vermeiden, zeigt, wo die Bedenken und überhaupt die Möglichkeiten der Änderung menschlichen Verhaltens liegen. Der spannende und große Unterschied zu dem Zustand, der mit dem Fall des eisernen Vorhangs zuende ging , liegt darin, dass die Möglichkeit, das alles so bleibt wie es ist, nicht mehr beruhigend, sondern im größten Maße apokalyptisch anmutet.

Das Ende des Sozialstaats ist gleichzeitig da und nicht da – mit jedem Tag verstehen wir mehr, dass unsere Fürsorgekonzepte der Vergangenheit dysfunktionaler werden. Indem der Sozialstaat nicht endet, schwindet immer mehr die Möglichkeit, einen Sozialstaat der Zukunft zu verhindern.

PS: Das ist kein Argument für das Bedinungslose Grundeinkommen.