„Die Geister, die ich rief…“ – Implikationen einer Politisierung der Wissenschaft

Die Leopoldina hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie sich für einen harten Lockdown ab 14. Dezember 2020 ausspricht. Die Formulierung lautet „[…] ist es aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern.“

Das ist erstmal nicht zu verurteilen. Jeder Zusammenschluss von Menschen, so wie es auch die Leopoldina ist, darf und sollte sich an unserer Meinungsdemokratie beteiligen. Aber ist es einfach eine Meinung? Aufhorchen lassen sollte die Formulierung „aus wissenschaftlicher Sicht“. Das ist ein großes Kaliber. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte eigentlich eine besonders vorläufige und vorsichtige Maßnahmenempfehlung folgen. Unabhängig davon, ab die Leopoldina Recht hätte, gibt es keine wissenschaftlich ausreichend fundierte Erkenntnis, dass ein harter Lockdown die Anzahl der Neuinfektionen noch schnell und drastisch verringern kann. Die Leopoldina will – oder sollte zumindest – sagen, dass man es versuchen sollte. Die Gründe führt sie sodann auf.

Es sterben Menschen und Menschen sind an der Grenze der Dauerbelastung. Die Gesundheitsämter sind überfordert. Wenn dieses wichtige System unserer Gesellschaft ausfällt, werden die Folgen unabsehbar schlimm.
Gut, das überzeugt den Pragmatiker in mir. Aber:

Aber dafür ist ein Gremium wie das der Leopoldina nicht da. Wissenschaftler sollen und dürfen nicht der Anwalt der Risikogruppen, des Gesundheitspersonals und schließlich des Gesundheitssystems selber sein. Aber das Wollen sei kurz dahingestellt, das Wie will uns die Leopoldina auch erklären. Mit einem zweistufigen Verfahren sollen ab dem 14. und ab dem 24. Dezember nach und nach Kontakte reduziert, alles aufs Homeoffice nach Möglichkeit umgeleitet, Gruppenaktivität eingestellt und auf jede Präsenz verzichtet werden. Dazu sollen Geschäfte schließen müssen, Weihnachtsferien verlängert werden, Zusammenkünfte und Urlaub unterbleiben und soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert werden.
Nicht, dass ich die Wende gegen eine durchkommerzialisierte Weihnacht nicht unterschreiben würde, aber eine Institution der Wissenschaft gebietet uns eine feierliche Frömmigkeit, die den Aufrufen kirchlicher Institutionen nach Demut und Enthaltsamkeit in nichts nachsteht. Man könnte fragen:

Wo sind die Appelle der Juristen, der Politiker, der Ärzte, der Philosophen, der Kirchen, einen harten Lockdown zu fordern? Warum traut sich dieses System der Gesellschaft zuerst und sonst kein anderes?

Bisher sei zu konstatieren, die Dominanz, das quasireligiöse Selbstverständnis und das Machtgefühl der Leopoldina ist bemerkenswert – im Wortsinne. Die L. fordert den harten Lockdown mit sehr großen Argumenten. Sie setzt eine Wirksamkeit seiner Forderung voraus und betitelt dies „wissenschaftlich“ und – das sei folgend gezeigt – sie lässt eine eindrucksvolle Macht wirken.

Denn die L. hat uns auch die Abwägung von Menschenleben mit anderen Rechtsgütern abgenommen. Denn natürlich sieht die L. ein, welches Opfer es einfordert:

„Aber zu den Feiertagen die nächsten Angehörigen bzw. Menschen des engsten sozialen Umfeldes nicht zu sehen, wäre für viele Menschen mit sehr großen sozialen und psychischen Belastungen verbunden. […] Dabei muss man sich aber der Risiken bewusst sein und daher die folgenden Regeln einhalten:“

Das Bedürfnis von Menschen, sich zu sehen und nahe zu sein, wurde schon abgewogen und mit dem Befolgen von Regeln quittiert. Die Diskussion hat sich anscheinend also schon erledigt. Gut zu wissen. Für wirtschaftlich motivierte Widersprüche hat sich die L. aber auch eine Lösung zurecht gelegt.

„Verschärfte Maßnahmen sind auch aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll. […] Ohne verschärften Lock-down in der Weihnachtspause besteht die Gefahr, dass der aktuelle Teil-Lockdown mit seinen Beschränkungen für Monate aufrechterhalten werden muss. Dies würde neben ausfallender Wertschöpfung auch zu hoher Belastung der öffentlichen Haushalte führen, weil die geschlossenen Unternehmen Überbrückungshilfen benötigen.“

Interessant ist zum einen, dass es anscheinend die wirtschaftliche Perspektive gäbe und keine sich entgegengesetzten Interessen. Händler in Innenstädten werden vermutlich weniger von dieser wirtschaftlich sinnvollen Perspektive halten, als z.B. Amazon oder generell Online-Händler. Darüber hinaus legitimiert die L. offensichtlich, dass öffentliche Haushalte nicht belastet werden sollten, obwohl es sehr wohl eine politische Entscheidung ist, Haushalte zu belasten (zumindest hat sich die L . damals zu Fragen, ob in der Bankenkrise Banken zulasten öffentlicher Haushalte gerettet werden sollten, gepflegt zurück gehalten).

Der Rest der Stellungnahme sind gute Ratschläge, denen man nur beipflichten kann.

Aber, was ist das für ein Phänomen? Gut bezahlte Wissenschaftler, deren Arbeit und Einkommen allenfalls gering von der Pandemie beeinflusst werden, werfen sich das Attribut „wissenschaftlich“ an ihre Forderungen und glauben – und wissen wahrscheinlich auch –, damit Erfolg zu haben. Der große Beginn der „March for Science“-Bewegung ist noch nicht lange her. Das Denken, dass sich in diesem Machtbewusstsein äußert, hat gute Gründe, eine gute Argumentation und den Nimbus der einzigen Religion, die der Moderne wahrlich geblieben ist: Die Wissenschaft. Ihre Innovationen, Techniken und Welterklärungen haben uns erst bereicht, dann erfüllt und nun dominieren sie uns (zurecht?).

Der Geist kam aus der Flasche, als die Kirche begann, ihr Monopol auf die letztgültige Wahrheit zu verlieren. Die Handelsbeziehungen der Wissenschaft wurden in den letzten 200 Jahren ausgebaut und scheinen nunmehr immer bereiter, der Kirchen Rolle vollends zu übernehmen. Wer braucht ein Leben nach dem Tod, wenn er bis zu 100 Jahre alt werden kann?

Man mag sich irren, in welcher Überzeugung die L. diese Stellungnahme geschrieben haben mag. Sie hat gute Gründe, ihre Forderungen zu stellen, deren Wirkungen wahrscheinlich – aber auch hoffentlich – absolut geboten sind. Aber man darf und sollte sich ab und an daran erinnern, dass eine „wissenschaftliche Sicht“ das Ergebnis dessen vorweg nimmt, was wir Politik nennen.

Ein jüngst veröffentlichtes Buch von Arnd Henze heißt „Kann Kirche Demokratie?“. Aber mich beschleicht langsam der Zweifel, ob man diese Frage wirklich der Kirche stellen müsse…

(Hochzeit der akademischen Wissensform ahoi!)

…Und dann wählten sie Hitler einfach ab…

Viel sollte man und kann man auch gar nicht über den jetzigen Zeitpunkt sagen, aber vielleicht soviel:

Das Volk der USA hat in den letzten Tagen abgestimmt. In Senat, Kongress und Präsidentschaft haben sie gewählt, wer die Geschicke dieses Landes weiterführen soll. Sowohl in Legislative als auch in Exekutive liegt ein Vorsprung – wenn auch ein dünner – bei den Demokraten.

Es gäbe hier viel zu sagen, was immer noch oder bisher in den USA schief läuft. Von den Defiziten in der Gleichheit und Freiheit der Wahl und auch von den Unzulänglichheiten der beiden Kammern, einen Kompromiss und einen Konsens zu finden.

Aber jetzt ist es angemessen, einen vorläufigen Blick auf die letzten 4 , beinahe unglaublichen, Jahre zu werden. Diese Jahre waren geprägt durch Spaltung, Streit und einen rechten Diskurs., der durch den ganzen Globus geht. Soviel ging zu Bruch, was internationale Zusammenarbeit und genereller Glaube an Werte und Menschenrechte bis dahin erreicht hatten. Und jetzt ist soviel wieder aufzuarbeiten: Black Lives Matter, Fridays For Future, schon zwei Namen reichen, um von globalem Rechtspopulismus, Rassismus, Sicherheitspolitik über Klimawandel, zerfallenden Multilateralismus hin zu den Entwürfen zukünftiger Linien politischer Gestaltungsprojekte besonders relevante Herausforderungen zu kennzeichnen. #Metoo und #Wearethe99percent zeigt den Zustand heutiger gesellschaftlicher Ausgangsbedingungen, unter denen diese Herausforderungen bewältigt werden müssen. Sie müssen emanzipativ und sozial sein. Und all das hat Trump nicht erfunden. All das kann keine Person als Symbol oder Identität in sich aufnehmen. Und daran lassen sich die letzten 4 Jahre auch bewerten. Die USA war – in ihrer unkooperativen Haltung – ein unabdingbarer Faktor darin, um westlichen Fortschritt zu erzeugen. Und sie konnte – und wird wahrscheinlich auch nicht mehr – nicht diese Rolle spielen. Die Abhängigkeit des Westens zu seinem scheinbaren Vorreiter seiner Werte ist ein deutlicheres Symptom für die Zustände, die Trump ermöglichten, als Trump selber sein kann. Die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft ist für diesen Staat selber das deutlichste Zeichen dafür, dass der Pax Americana an ihr Ende gefunden hat. Dass der Irrsinn internationaler Konfliktprävention letztendlich in den Irrsinn nationaler Konflikte mündet (eigentlich führte man doch immer Krieg UM im eigenen Land die Wahlen zu beeinflussen), scheint sich als Wahrheit langsam zu konkretisieren.

Und auch, wenn wir, um mit einem fiktiven 1937 zu sprechen, Hitler nun abgewählt wurde, was kommt danach? Wird Geschichte von einem Mann, einer Partei, einem Land und dann durch deren Sieg oder Niederlage geschrieben? Wahrscheinlich nicht. Es war lediglich eine Wahl, die dem Rest der Welt deswegen wichtig war, weil sie eine bestimmte Person nicht mehr sehen wollen. Die US-Amerikaner haben nicht den selbstlosen Weltfrieden, die ökologische Revolution oder die solidarische Umverteilung gewählt. Sie wählten mehrheitlich Biden.

Was kommt nun? Vielleicht zitieren wir wieder einmal Hegel, um ein bisschen uns von Trump entwöhnen zu können:

„Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte

Wir können nur hoffen, dass irgendjemand aus diesen vier Jahren lernt. Trumps vier Jahre entschuldigen keine Ungerechtigkeit, die jedes Land der Erde in den letzten vier Jahren auf die Welt gebracht hat.

Ein Lob für die Provokation – Tim Sebastian und Conflict Zone

Ich muss eine Lanze brechen für eine Interviewreihe, die nichts schönes hat. Ein Gesprächsmodell, das bisweile im abpruptem Verlassen endet, dass unfair erscheint und es mitnichten nicht ist. Dieses Gespräche sind die Interviewreihen von Tim Sebastian.

Wenn Roger Willemsen, mit seiner unverfrorenen, aber immer noch schalkhaft-liebevollen den Gegenpol eines tiefschürfenden, aber immer noch respektvollen Interview-Modells abbildet, so ist Tim Sebastian, ein diabolisch anmutender Gegenpol. Seine Gäste beschweren sich oft. Über „irgendwelche“ Zitate, mit denen er sie konfrontiert, über schnelle Vorwürfe und noch schnellere Schlüsse aus ihrem gerade Gesagtem.

Man darf Sebastian einen Vorsatz unterstellen. Oft erwähnt er „I’m the one asking questions, you are the one asking them“ oder „I know that you do know the answer“. Tim Sebastian erregt den Unmut, wie man vor vier Jahren in einem Interview mit Frauke Petry erleben konnte, als sie sich darüber beschwerte, welche Themen er aussuche. Ich finde sie hat recht. Aber ich glaube auch, dass Sebstian wusste, dass sie recht hat. Weil es nicht die Rolle eines Journalisten ist, fair zum Gegenüber zu sein. Er ist kein wohlmeinender Elternteil, der beiden Kinder die Chance zum Aussprechen bietet (was Tim Sebastian dennoch zulässt, nur scheinen das viele Gäste nicht zu bemerken). Ein Journalist ist fair zur Wahrheit und das begründet vielleicht auch den Stil von ihm, dauernd Zitate, Statistiken oder andere Quellen heranzuziehen um den Gast damit zu konfrontieren. Bei jeder Konfrontation kann er sich darauf zurückziehen. Aber was die Gäste vor allem irritiert ist, dass er den argumentativen Standpunkt seiner Frage schnell wechselt. Mal stellt er den Bundestagspräsident Schäuble infrage, zu den verschuldeten Griechen zu streng zu sein, mal das Gegenteil. Es ist aber, und das ist vielleicht die größte Ehrlichkeit, die diese Interviews bieten, nicht die Rolle eines Interviewers, logisch konsistent zu sein. Ich finde, ein Interview dient dazu, den Menschen, der da spricht kennenzulernen. Da der Standpunkt von Tim Sebastian nicht interessiert, ist es der Standpunkt und das Wesen des Gastes.

Am ehrlichsten empfand ich eine Stelle in dem Interview, in der Frauke Petry sagte, Sebastian solle andere Fragen stellen. Frauke Petry war gereizt und sichtlich unzufrieden über den Verlauf des Interviews. Ich vermute, dass es durchaus in der Absicht von Sebastian gewesen sein könnte, diese Situation zu erreichen. Der Durchbruch der Emotionen bei einem Politiker ist ein ehrlicher Moment, den ein Politiker wahrscheinlich nicht zulassen will. Er will und darf nicht zornig erscheinen. Er muss und sollte die Geduld behalten. Vergleiche mit anderen Interviews, in denen Sebastian andere deutsche Politiker ähnlich gewollt und ähnlich erratisch in Bedrängnis brachte, zeigen, dass es möglich ist, zwar gereizt, aber immer noch das Gesicht wahrend, das Gespräch zu führen. Vielleicht kann man es als einen Charaktertest ansehen, diese Interviews zu überstehen.

Aber was heißt das für die Medien? Was kann man daraus lernen?

Man mag sich an ein jüngeres Interview mit Björn Höcke erinnern, indem er, nachdem er und sein Pressechef einen Neubeginn des Interviews verlangt hatten, das Gespräch abbrach und mit Konsequenzen drohte. Diese Momente sind ehrlich, in ihnen erfahren wir, wie Menschen in gereiztem Zustand handeln. Dabei war dieser Zustand weniger dem Interviewer, als der Verfasstheit Höckes und der scheinbaren Desinformationen durch seinen Pressechef zuzuschreiben. Aber es wurde ein Signal dafür, wie menschlich und auch wie schwächlich Menschen wirken können.
Daraus zu lernen hieße, zwischen Politik und Medien eine Distanz und Schroffheit einzufordern, die den Interviewer und seinen Gast dazu anhält, nie zu vergessen, dass sie eine Rolle zu spielen haben.
Damit die Wahrheit endlich die Bühne betritt.

Hier einige der Videos:

Kanzel-Kultur

„Es war nicht alles schlecht unter Gott. Gut war zum Beispiel, dass alles schlecht war.“

– Lisa Eckhart, Die Vorteile des Lasters

Wir leben in gottlosen Zeiten. Und weil das so ist, weil wir das gelobte Land von Gerechtigkeit und Solidarität hinter uns gelassen haben, versuchen wir irgendwie, dahin zurück zu kommen. Weil wir nicht mehr im Himmel sind, so versuchen wir, uns den Himmel ein kleines bisschen, auf die Erde zu holen. Dies ist ein Text über die quasireligiöse Linke, ein Versuch über die Angst, falsche Dinge zu sagen, zu denken oder denken zu lassen.

Ungerechtigkeit hat viele Gesichter, sie kann aus Armut, dem Geschlecht, der Herkunft, der Hautfarbe oder aus vielem anderen bestehen. Fest steht: Wir leben in ungerechten Zeiten. Ungerechteren vielleicht als sogar noch früher. Früher. Als die politische Landschaft noch in Bewegung und die Geburtenraten hoch waren. Früher. Als man noch in der Universität rauchen durfte und sich jeder für ein Revolutionär hielt. Als Studenten noch nicht das Synonym für bulimielerngeplagte, lifestyledogmatische Karriefetischisten waren.

Die Ungerechtigkeit von Früher verblasst oft mit der Zeit. Sicher, räumen viele ein, auf einer bestimmten Ebene – der des Rechts oder der der öffentlichen Akzeptanz – sei zwar einiges besser. Aber haben einem – so fragen manche gewollt in eine Kamera – einem die nach Selbstbestimmung rufenden Frauen nicht auch gefehlt? Geht es den heutigen Feminist*innen nur noch um Geld in Quotenplätzchen und Aufmerksamkeit?

Mitnichten, doch das, was wir heute sehen, ist das mediale Aufspielspektakel, dass unsere nach Sensationen gierenden Gesellschaft des neoliberalen Spätkapitalismus so sehr „feiert“ und danach giert.

Was kommt da, wenn man von abgesagten Auftritten hört, die auf mögliche Irritationen und Ängste wegen den Inhalten zurückgehen? Man müsse endlich mal Toleranz zeigen! Es sei an der Zeit, endlich wieder Argumente zuzulassen! Man müsse sich auch Unangenehmes anhören!

Klingt das nicht, wie von der Kanzel herab gesprochen? Die Reaktionen nach Auftrittsabsagen, nach dem möglichen Vorwurf, das Programm könne Verwerfungen hervorrufen, sind bombastischer und aufmerksamkeitserregender als jede Pointe, die ein Serdar Somuncu, eine Lisa Eckhart oder ein Dieter Nuhr abliefern könnte. Der Reflex entspricht einem quasireligiösen Gefühl, das einem sagt, jetzt müsse man jedem auf der Welt – und somit auch Gott – zeigen, wie sehr man liberal und offen für andere Inhalte sei. Und damit nicht genug, von der Kanzel herab der Aufruf zur Liberalität gesagt, können viele gar nicht aufhören, über sich den möglichen Inhalt kontroverser Diskussion ergehen zu lassen. Wäre Frau Eckharts Video beim WDR bei Nuhr überhaupt so oft angeschaut worden, hätte man ihr nicht abgesagt? Die Lust an Empörung, die lustigerweise erst nach dem Aufruf von der Kanzel aufflammt, ist die beste PR und Medienstrategie.

Wir können nur ins gelobte Land, wenn wir uns und allen zeigen, dass in unseren Herzen schon dieses gelobte Land hersche.

Das Gute daran, wenn alles schlecht ist, liegt in dem Aufheben des Zwanges, etwas Gutes vorzuspielen. Gerade die Ärmsten, die Unterprivilegiertesten wissen, dass keine Sprachregelung, keine Empörung und auch keine Selbstkritik darüber wird hinwegtäuschen können. Das soll es auch nicht. Das Zeigen der Wunden hilft schon, sie zu ertragen. Das geteilte Leid lindert. Lasst den Armen, den Hoffnungslosen, den Sexualisierten, den Stigmatisierten, den Analphabeten den Raum. Den Raum, den ihr mit eurer kümmerlichen Critical Whiteness, mit eurer Meinungsfreiheitsempörung, mit eurem Wort der Cancel Culture, dem ominösen Mansplaining und Bagspreading zumüllt. Lasst eure Kanzelkultur sein! Gebt das Wort an das billige Publikum!

Die Universität nach Corona; oder: Der Tag X!

Was bring die Zukunft? Normalerweise fragt man sich das an Sylvester oder am späten Abend, wenn man sehnsuchtsvoll in den Himmel schaut. Oder wenn man investieren will. Das Wissen um die Zukunft ist meist nur praktisch motiviert. Welchen Nutzen hätte ein Wissen um die Zukunft, dass nur kontemplativ verarbeitet wird?

Der Anlass zur Frage liefert natürlich die aktuelle Berichterstattung die sich brennend für das Abschneiden deutscher Universitäten in internationalen Vergleichen (deren Aussagekraft hinterfragenswert erscheint) interessiert. In Zeiten einer Pandemie, wie kann man eine solche Publikation eines internationalen Vergleichs überhaupt für durchführens- oder wünschenswert halten? Aufgrund der Reisebeschränkungen existiere ja ohnehin nur eine sehr geringe Mobilität unter den Lehrinstitutionen. Aber vielleicht kann man – und das soll der Beitrag aufzeigen – eine andere Motivation dieses offenkundig sinnlosen Vergleichs aufzeigen.

Der Tag X nach Corona: Der fiktionale Tag, an dem die Beschränkungen fallen und wieder Massen auf die Strassen, in die Unternehmen und auch in die Universitäten strömen, wird vermutlich nicht kommen?

Warum? Es könnte sein, dass mit der jetzigen Universitäts- und Lehrverwaltung ein Zustand einer quasi-Normalität fortzuschreiben versucht wird, an deren Ende Erkenntnisse bleiben, die eine alte Normalität unmöglich machen. Dass die internationalen Vergleiche zwischen Universitäten fortgeschrieben werden, also eine Vergleichbarkeit vorweggenommen wird, zeigt vieles, aber eines nicht: Die Markierung eines Umbruchs. Und diese Umbrüche sind bedeutend, weil sie a) global geschehen und b) sich wirtschaftlich tiefgreifend abzeichnen. Es ist schwer und entbehrt auch einer gewissen Logik, zu einem Status quo ante corona zurückzukehren. Wieso wieder zu analogen Meetings oder Massenvorlesungen zurückzukehren? Welchen Mehrwert haben Universität oder Gesellschaft dabei, zu einer Lebensform zurückzukehren, die von Pandemien gestört werden kann? Gerade der Vorteil, unabhängig von äußeren Faktoren zu sein, könnte sich in der Abwägung zukünftiger Lehr- und Wirtschaftsbetriebe als durchschlagend erweisen.

Vor ein paar Monaten hat Mathias Fuchs darauf hingewiesen, dass sich die globale Entwicklung von Universitäten in angelsächsischen Ländern derart niederschlägt, dass sie möglichst viele Immobilien und Personal abbauen wollen, in Ländern mit anderen akademischen Traditionen sieht die Entwicklung noch anders aus.
Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass sie stark die Tendenz hervorzeigt, die Frank Donoghues in „The last professors“ aufgezeigt hat: Der Lehrbetrieb soll rationalisiert, verschlankt und soweit durchautomatisiert und digitalisiert werden, dass sich die protestantische Arbeitsethik auf die Schulter klopfen kann. Es ist gerade der Blick, der aus den internationalen Vergleichen hervorgeht, der nur die Profite und die Effizenz einer Universität wahrnimmt und die Verluste und Kosten, die anderen Menschen (das Lehrpersonal und die Studenten) dadurch enstehen, ignoriert.

Ich will den Tag X als eine Fiktion utopischer Hoffnung erscheinen lassen. Der jetzige Zustand der Universitäten, die heutige Zeit in der globalen Pandemie, die kontroverse Strategie der Regierungen: All das wirkt nur vernünftig, solange man sich einen Tag X vorstellen kann. Solange man sich einreden kann, dass irgendwann ein Fest ohne Maske, Mindestabstand und Rückverfolgungsliste stattfinden wird, solange erträgt und erduldet eine zahme Seele alle heutigen Einschränkungen. Aber es darf nicht vergessen werden, dass die Uniersitätsverwaltungen, Regierungsangehörige und auch die Gesundheitsbehörden nur Menschen sind. Im Guten wie im Schlechten folgt daraus auch eine sich einstellende Bequemlichkeit, die eigenen Maximen zuungunsten anderer Bereiche und Felder auszubreiten.

Der Arzt und der Regent, der uns am leben lassen will, er muss uns auch die Freiheit zur Krankheit und zum Tode lassen².

²Auf gegenderte Wortformen wurde verzichtet. Eine Selbstreflektion folgt, die dieses Handeln zu erklären versucht.

Das Ende des Sozialstaats – der Beginn postmoderner Fürsorgekonzepte

Die Lust, Apokalypse, Krisen oder Umbrüche anzugeben, ist verführerische Tat, egal, was man über die Kinder, die „Wolf“ rufen, sagen mag. Es gibt einem Macht, es gibt einem Aufmerksamkeit, es gibt einem Autorität, wenn man einmal Glück hatte mit seiner Prophezeiung. Verschwörungstheorien bleiben nur Theorien, Glaube und Mystik, bis man Evidenz anführt, zusammendichtet oder herstellt, die einem Recht zu geben scheinen. Was wäre, wenn man eine Krise erlebt – und niemand hatte sie prognostiziert?
Hallo Covid-19!

Aber Covid-19 ist keine Apokalypse, das Virus selbst ist keine Krise und ein Umbruch wird nur von Menschen erzeugt, wenn sie es als sinnvoll empfinden. Menschen wurden erst dann Sammler, als es profitabel, sicher und langfristig wurde. Also macht es wie immer Sinn, nicht auf die Ursache einer Krise zu schauen, sondern sich den Umgang unterschiedlicher Gruppen und Gesellschaften vor Augen zu führen. Hier soll also ein kleiner Vergleich mit unterschiedlichen Ländern geschehen, durch den spekulative Thesen herausgezogen werden sollen.

Schweden und Deutschland: Gesundheit
Schweden hat – als eines der wenigen Länder Europas – quasi Status eines Menschen, der sich nicht impfen ließ und auf die Vorsorge und den gesunden Menschenverstand aller anderen – seiner Bürger und Nachbarstaaten – hoffte. Deutschland hingegen versucht, die Beste aller Welten zwischen Lockdown und Lockerungspolitik zu erschaffen. Bisher mit einigem und nun mäßiger werdenden Erfolg. Die Wohlfahrt scheint hier als Mischung von Gesundheit der Bevölkerung und Wohlergehen des Konsum- und Erwerbslebens zu gelten. In Schweden wurde deutlich, wie sehr Wohlfahrt besonders als Wirtschafts- und Konsumgut wahrgenommen wurde. So kann man auch Impfgegner sehen. Es muss nicht gleich die Reptiloidenübernahme drohen, aber gerade eine der Errungenschaften von Wohlfahrts- und Gesundheitsstaat ist es, dass Voraussetzungen geschaffen werden, die das Überleben jener ermöglichen, die ohne seine Leistungen (Herdenimmunität, gesicherte Existenzen) sterben oder zumindest verwahrlosen. Was heißt, dass Schweden ist sich – zynisch gesprochen – höhere Todeszahlen älterer Bevölkerungsgruppen „leistet“, um von seinem Wirtschafts- und Konsumleben weniger aufgeben zu müssen, Älteren Schweden ist ein Staat, der sozusagen das Leben macht und Sterben lässt.

Schweden und Deutschland: Klima
Deutschland hat – im Vergleich zu allen europäischen Staaten – eine der größten wachsenden Industriewirtschaften – und daher größeren Einfluss (manche würden sagen: Verantwortungen) darauf, wie Industrien oder die Wirtschaft im Allgemeinen mit der Umwelt umgehen.
Der Einfluss des Klimas auf das Wohlergehen – Gesundheit und Wirtschafts- wie Konsumgüter – ist in seiner Größte kaum zu unterschätzen. Interessant ist, wie z.B. hier unterschiedliche Klimaregeln Wirtschaft und Konsum beeinflussen. Die CO2-Steuer, die in Deutschland eher niedrig ausfiel, ist in Schweden eine der höchsten Abgaben. Das Wohlergehen wurde aufgeteilt in eine mögliche Abwendung klimaschädlicher Verhaltensweisen und der Hemmung von Investition und Konsum. Auch wenn der relative Anteil der CO2-Emission Schwedens gering ist, so wurde die hohe Steuer für die Schweden eine Art Anteilnahme des Versuchs zur Erhaltung eines menschenfreundlichen Klimas.
Deutschland, das Land, das erst 2038 die Kohlenutzung und erst 2050 ihr Emissionsdefizit abschaffen will, hat sehr viel schwächere Versuche unternommen, einen Anteil zur Erhaltung eines menschenfreundlichen Klimas beizusteuern. Dies äußert sich größerer wirtschaftlicher Aktivität höherem Konsum in der Gegenwahrt, aber würde – theoretisch gesprochen – mit höheren Einbußen (auch Toten) in der Zukunft bezahlt werden. Deutschland ist sozuagen der Staaten, der jetzt Leben macht und später Sterben lässt.

Was kann uns diese Beobachtungen möglicherweise über die Behandlung älterer Menschengruppen gegenüber jüngeren verraten?
Auf der einen Seite lässt Schweden Menschen heute eher sterben als in Deutschland und will das Leben in der Zukunft in einem menschenfreundlichen Klima eher erhalten als Deutschland. Aktive Taten heute und abstrakte (symbolische) Taten für die Zukunft. Schweden ist von der Altersstuktur (etwas) jünger als Deutschland. 22% über 65-jährige im Vergleich zu 20% in Schweden. Es könnte sein, dass Schwedens Regierung eher nicht an die (alten) Menschen von Heute, sondern an die (jungen) Menschen von Morgen dachte.
Es ist am Ende dieses Denken, dass sich in den Försorgekonzepten jeweiliger Länder niederschlägt.

Hier endet der Vergleich und es beginnt die Frage, was das mit dem Blick in die Zukunft zu tun haben könnte. Vielleicht das: Wir gehen so mit der Zukunft um, wie wir mit den Zukünftigen unserer Gegenwahrt umgehen. Zumindest politisch. Wahrscheinlich sind sehr konkrete Sorgen in Bezug auf die Gegenwahrt – jetzige Rentenzahlungen, jetzige Wohlstandseinbußen, jetzige mögliche Corona-Tote – ausschlaggebender für die Politik, als abstrakte Gedanken der Zukunftssorge (so, wie es Precht formuliert hat).

Es gibt keinen Grund, Angst vor einem Umbruch zu haben. Ein Umbruch hat menschliches Handeln als Ursache. Und das heißt, das Menschen sich ändern müssen. Schon die schwankende Disziplin, eine Corona-Infektion zu vermeiden, zeigt, wo die Bedenken und überhaupt die Möglichkeiten der Änderung menschlichen Verhaltens liegen. Der spannende und große Unterschied zu dem Zustand, der mit dem Fall des eisernen Vorhangs zuende ging , liegt darin, dass die Möglichkeit, das alles so bleibt wie es ist, nicht mehr beruhigend, sondern im größten Maße apokalyptisch anmutet.

Das Ende des Sozialstaats ist gleichzeitig da und nicht da – mit jedem Tag verstehen wir mehr, dass unsere Fürsorgekonzepte der Vergangenheit dysfunktionaler werden. Indem der Sozialstaat nicht endet, schwindet immer mehr die Möglichkeit, einen Sozialstaat der Zukunft zu verhindern.

PS: Das ist kein Argument für das Bedinungslose Grundeinkommen.

Ich bin gegen das BGE, weil ich nicht noch mehr arbeiten will!

„Das bedingungslose Grundeinkommen sorgt doch gerade dafür, dass man weniger arbeitet!“ – Werden wahrscheinlich viele Leser denken. Doch ist das wirklich so?

Grundsätzlich gilt dabei die Prämisse, dass wer nicht verhungern will, arbeiten müsse. Falsch, denn das ist höchstens die Logik von neoliberal Geblendeten, die den Sozialstaat schon aus ihrer Welt herausignoriert haben. In Wirklichkeit kann man, zum Beispiel wenn man sich körperlich nicht gesund fühlt, oder eine deprimierte Phase durchmacht, eine Zeitland durch den Sozialstaat leben, ohne arbeiten gehen zu müssen. Natürlich gibt es Sanktionen, aber diese greifen nicht automatisch, sind also immer ein Fall der Beurteilung. Solange bis ich eine Arbeit finde, kann ich auch leben, ohne arbeiten gehen zu müssen.

Was würde sich durch ein BGE ändern? Zunächst einmal gäbe es keine Sanktionen mehr, durch die man zur Aufnahme einer Arbeit gezwungen wäre. Aber was bekommt im Gegenzug? Eine völlig pauschal bemessene, also nicht an meinen niedrigeren oder höheren Bedürfnissen orientierte Zahlung. Es wird Menschen geben, die mehr bräuchten („Macht nichts! Die können ja arbeiten gehen!“) und jene, die weniger bräuchten. Die tatsächliche Anzahl derer, die mit der jeweils vorgeschlagenen Summe zwischen z.B. 1500€ oder 2000€ wirklich zurande käme, wird aber sehr gering sein.

Solche Menschen, die weniger bräuchten, hätten höchstwahrscheinlich mehr Geld für ihren Konsum. Gerade wenn das Einkommen gesichert ist, gibt es wenig Gründe, Zahlungen zu tätigen, um zu investieren oder sogar Geld zu sparen. Ganz im Gegenteil schließt der eigentlich darunter liegende Bedarf es aus, dass diese Personen eigentlich mehr Geld oder Investitionen bräuchten. Aber Geld will ja ausgegeben werden, also wird damit konsumiert. Aber Konsum benötigt menschliche Arbeitskraft, so digitalisiert sie auch sei! Von daher würden diese Menschen, ob sie Arbeiten oder nicht einen größeren Bedarf an Arbeitszeit hervorrufen. Und das unabhängig davon, ob sie noch arbeiten gingen.

Aber was ist mit den Menschen, denen der Betrag nicht genug wäre? Was macht diese Gruppe? Sie geht tatsächlich noch arbeiten. Eben, weil sie mehr Geld benötigt. Wenn diese Menschen aber nicht arbeiten können, ist die Tragik umso größer, denn der vorige Sozialstaat wurde ja für das Mammutprojekt BGE aufgelöst. Wie sollte man sonst so eine gigantische Verteilung finanzieren?
Wenn sie aber Arbeiten können wirft das nun eine schier unglaubliche Konkurrenzsituation hervor: Menschen konkurrieren um Arbeit! Eben die Arbeit, die sie benötigen um mehr zu verdienen. Diese Nachfrage kann natürlich zum einen aufgefangen werden durch die frei werdende Arbeit von jenen, die nicht mehr Arbeiten wollen, zum anderen durch die Arbeit, die notwendig ist, um den Konsum der ersten Gruppe zu ermöglichen.
Aber die Spitze dieses Kampfes wird die sinnvolle Arbeit oder die ideelle Arbeit ausmachen. Solche Arbeit, die wenig frustrierend, äußerst anerkannt und überdies als sinnvoll wahrgenommen wird – wie Computerspiele, die man schwer schließen kann. Also Arbeit, die dazu designt ist, oft ausgeführt zu werden.

Die Kultur der Arbeit wird aufgewertet von einem Mühsal das 90% aller Menschen vereint, zu einem Luxus, der sich hierarchisch noch deutlicher voneinander unterscheidet. Freizeit wird keinen Sinn mehr haben, weil die Arbeit nun zwei Sinngebungen besitzt. Den einen, zusätzlichen Reichtum zu erwirtschaften, und den anderen, sinnstiftend für das Leben zu sein.

Das BGE wird wahrscheinlich unterschiedliche Formen der Arbeit in unserer Gesellschaft institutionalisieren. Wie soll man sich davon noch retten können? Die menschliche Existenz kommt – und davon zeugt gerade die lachhafte Manie der oberen 10% der Vermögensverteilung, etwas zu tun zu haben, nicht mit Arbeit aufhören zu können – ohne ein sinnhaft ausgestaltetes Tun nicht aus. Wenn die Gesellschaft Menschen Geld bietet, damit sie dieses sinnhafte Tun anderen zur Verfügung stellen, läuft definitiv etwas falsch. Menschen werden mehr arbeiten! Entweder für mehr Reichtum oder für ein sinnhaftes Dasein. Aber der Anteil der Menschen, die stoisch ruhig bis ans Lebensende mit einem niedrigen Gehalt fürs Nichtstun für diese Motive Konsum oder Anerkennung produziert, wird zu gering sein um das Ausmaß an Leid zu rechtfertigen, dass diese Gesellschaft schaffen wird.

Was ist Literatur in Zeiten des Kapitalismus?

Warnung: Dies ist ein funktionaler Blogbeitrag. Er ist nicht schön, mitunter verletzend, aber er funktioniert.
Machen wir uns nichts vor, wir sind frei.

Frei, zu tun, was wir wollen. Die einzige Beschränkung unseres Tuns liegt im Kapital- und das ist Fluch und Segen zugleich.

Unser Tun ist frei: Wir dürfen sagen, schreiben, konsumieren, kopulieren, reisen wie wir wollen. Wir dürfen auch glauben, dass ein reicher Milliardär mit einem beschissenen Betriebssystem die ganze Welt versklaven will.

Unser Leben ist wahnsinnig beschränkt.

Wir können nur in Scheißstädte mit schlechter Wohnpolitik ziehen, wo wir in deren einzige Viertel mit billigen Mieten wohnen können.
In diesen Vierteln ist jeder der gleiche arme Schlucker, auch wenn sich jeder gegenseitig auf die Nerven geht.
Wir müssen uns, sodass wir mit uninteressanten Freunden in Kontakt bleiben können oder auf der Arbeit nicht ständig unerreichbar sind, vor riesigen, von Daten getriebenen Unternehmen nackig ausziehen. Wir müssen uns nackig ausziehen, weil riesige, von Daten getriebene Unternehmen Geld verdienen wollen.

Dann müssen wir, damit wir nicht mit den falschen Menschen befreundet sind und uns nicht der Hass der gehobenen Mittelschicht trifft, einen bescheuerten Sprachcode einhalten, von dem einige Menschen hoffen, er würde die Welt verändern. Es ist immer die Hoffnung der gehobenen Mittelschicht, mit individuellem Handeln wie zum Beispiel Gendern, Veganismus-
– Warte mal einen Augenblick
– und-
willst du ernsthaft sagen, dass Gendern ein bescheuerter Sprachcode der gehobenen Mittelschicht ist? Das ist verletzend!

Nein! So hab ich das nicht gemeint.
– Alter! Willst du das ich das tweete? Willst du dir einen Shitstorm einfangen?

Lass es mich erklären, okay?

habs jetzt auf #sexistischeKackscheiße getweetet.

Das Internet ist kein Ort der Erklärung. Kein Ort der Vernunft. Es ist der Ort des Gefühls, sich für 15 Sekunden im Recht zu fühlen, weil andere auf demselben Hashtag twittern. Das Internet verzeiht keine Irrtümer.
– jetzt hör mit dieser selbstgerechten Scheiße auf.

Dann lass es mich erklären! Ich wollte dich nicht verletzen. Ich finde es generell bescheuert, andere verletzen zu wollen. Aber ich finde es bescheuert, sich durch Worte verletzen zu lassen.

-wenn meine Eltern mich Deadnamen, ist das also meine Schuld? Ich möchte nicht gedeadnamed werden, weil mich das triggert. Ist es so schwer zu verstehen, dass mich ein Name verletzten kann?

Deadnaming bedeutet, dass Menschen andere Menschen nicht bei ihrem selbst gegebenen Namen nennen wollen. Der zur Geburt gegebene Namen bedeutet für sie das Trauma der eigenen Seinsfindung. Es entspricht ihrem Bedürfnis, als eine andere Person anerkannt zu werden.
Andere Menschen glauben, dass der frühere oder bei Geburt gegebene Name untrennbar mit der Identität zusammenhängt. Dabei sind alle Namen eine Erfindung. Der Punkt ist, dass die Anerkennung der Identität des Anderen durch den Gebrauch des jeweiligen Namens gezeigt wird.
Viele Menschen wollen nicht anerkennen, dass sich die Identität ändern kann. Es macht Ihnen Angst, weil sie glauben, die Orientierung zu verlieren. Eigentlich ist das Zeichen modernen Lebens, dass man Angst davor hat, die Orientierung zu verlieren und dabei zu vergessen, dass es in der Moderne keine Orientierung mehr gibt.

Um auf meinen Text zurückzukommen:
Es ist immer die Hoffnung der gehobenen Mittelschicht, mit individuellem Handeln wie Sprachbewusstsein, Verganismus und Fahrradfahren die Welt zu verändern.

-okay, das hättest du auch einfacher haben können.

Und dann dürfen wir nur noch mit schlechtem Gewissen billiges, genmanipuliertes und lebensverachtend produziertes Fleisch kaufen, weil niemand mutig genug ist, das Klima radikal zu verändern. Alle Technologien und Produkte, die das Klima nicht radikal verändern, sind Zeugnisse der Verachtung von Leben. Eigentlich ist es das Zeichen modernen Lebens, das Leben zu verachten und dabei zu vergessen, dass man das Leben verachtet, weil man nichts radikal verändern möchte.

Die einzigen, die noch mutig genug sind, die Politik radikal zu verändern, sind sexistische, fundamentalistische und rechte Arschlöcher, denen es egal ist, was die Mehrheit der Menschen von ihnen denkt. Rechte Arschlöcher werden Präsidenten, weil sie sagen, dass sie Dinge wie den Kampf gegen politische Korruption oder den Brexit radikal durchziehen und andere Menschen an sie glauben. Rechte Arschlöcher werden gewählt, obwohl die Mehrheit der Menschen eigentlich keine rechten Arschlöcher sein wollen.
Sexistische Arschlöcher werden erfolgreiche Menschen im Mediengeschäft, in Unternehmen oder in der Politik, obwohl niemand gerne rechte Arschlöcher in diesen Positionen haben will. Eigentlich will niemand Sexist sein, auch Arschlöcher nicht. Sexismus ist Ungleichbehandlung anhand des Geschlechts. Obwohl niemand Menschen anhand des Geschlechtes ungleich behandeln will, war die Ungleichbehandlung von Menschen anhand des Geschlechtes nie größer. Ungleichbehandlung wird größer, je mehr man sie verleugnet und so tut, als seien die ungleich Behandelten selbst an ihrer Entwicklung schuld. Das Unbewusstsein über positive Ungleichbehandlung nennt man Privileg. Das Unbewusstsein über negative Ungleichbehandlung nennt man Stigma. Von Privileg oder Stigma zu sprechen ist ungehörig, weil Menschen nicht an die gottverdammte Ungerechtigkeit in der Gesellschaft erinnert werden wollen. Man könnte auch sagen, dass man über die unbewusste Ungerechtigkeit in der Gesellschaft nicht reden darf. Ungerechtigkeit manifestiert sich letztendlich in der Kapitalverteilung einer Gesellschaft. Manche könnten auch sagen: Die Armen sind selbst schuld.

Die Freiheit im Kapitalismus besteht also darin, mit Kapital alles tun zu dürfen, aber nie gegen das Kapital was zu tun.
Die Freiheit im Kapitalismus besteht darin, theoretisch alles sagen zu dürfen, wenn einem das soziale Umfeld vollkommen egal ist. Vor der Freiheit des Kapitalismus bestand Freiheit darin, überall außer in der Öffentlichkeit sagen zu dürfen, was man denkt. Man könnte auch sagen, Redefreiheit gab es vorher nur für Menschen, die Geld und Macht hatten. Heute gibt es Redefreiheit für alle. Redefreiheit galt mal als wichtig, weil das Gesagte Konsequenzen für den Sprecher hätte haben können. Heute wird alles von allen gesagt und die Konsequenzen sind sehr marginal.
Auch wenn man einen Shitstorm erlebt.

Menschen, die eine Internetsozialisation erleben, bekommen das Gefühl, dass das, was sie auf den Plattformen datengetriebener Unternehmen von sich absondern Bedeutung hätte. Menschen, die internetsozialisiert wurden, glauben, dass ein Shitstorm eine Bedeutung hätte.

Die Soziologen Dorothy Swaine Thomas und William Isaac Thomas haben das Thomas-Theorem aufgestellt:

„If men define situations as real, they are real in their consequences.“

Thomas-Theoriem

Wenn Menschen Dingen Bedeutung zukommen lassen, werden sie bedeutsam. Das heißt, weil die Mehrheit der Menschen glaubt, die lebensverachtenden Plattformen datengetriebener Unternehmen seien in ihren Shitstorms bedeutsam, handeln sie so, dass dieser Glaube real wird.

Die Mehrheit der Menschen verbringen einen Großteil ihrer Zeit im Internet und regen sich über Verschwörungstheorien auf. Der restliche Teil verbringt einen Großteil seiner Zeit im Internet und regt sich darüber auf, dass es keine Redefreiheit mehr gäbe. Weil jeder Redefreiheit besitzt, aber niemand ein Arschloch sein will, darf man nur alles sagen, wenn einem egal ist, was die Mehrheit der Menschen von einem denkt.

Die Literatur im Kapitalismus ist also kein Ausdruck von Redefreiheit mehr, sondern nur noch eine Möglichkeit, als Arschloch Geld zu verdienen.

Manche würden sagen, so kann man über Literatur nicht reden. Literatur ist doch Kunst, Kunst ist doch schön. Die Kunst werde sich immer über den Kapitalismus erheben. Die Kultur sei selbstlos.

Die Kultur ist unterbezahlt, ungeschätzt und unterliegt jeden Tag dem Kapitalismus. Auch in Deutschland. Deutschland, sagt man, sei das Land der Dichter und Denker. Deutschland sei eine Kulturnation, betont vor allem immer gerne jedes Mitglied der gehobenen Mittelschicht.
Deutschland ist ein Land, das immer zu spät dran war. Mit der Industrialisierung, mit der Staatsgründung und dem Faschismus. Und jedes Mal mussten die Deutschen allen anderen beweisen, dass, auch wenn sie spät dran waren, es dafür umso besser konnten. Also betonen vor allem immer gerne Mitglieder der gehobenen Mittelschicht, dass Deutschland als Industrienation, als Kulturnation und Faschistennation besonders, über allen anderen stehend, sei.

Laut der gehobenen Mittelschicht ist pedantische Genauigkeit eine Tugend der Deutschen. Deshalb wird in Bezug auf die Frage der Literatur erwähnt, dass im Titel „Literatur in Zeiten des Kapitalismus“ steht.

Wenn man den Literaturbegriff vom Kapitalismus trennt, kann man auch sich selbst gedanklich vom Kapitalismus trennen. So zum Beispiel bei Harry Potter.
Harry Potter ist eine Figur einer sehr populären Kinderbuchreihe von Joanne K. Rowling, in der Kinder lernen, dass sie zaubern können und dennoch denselben stressigen Schulalltag haben und in derselben nervigen Gesellschaft leben. Neben dem normalen Rassismus, der normalen Ungleichheit und derselben schlechten Erziehung gibt es auch noch einen Magierrassismus, den man nicht sehen kann und unter den Leuten keinen Unterschied macht.
Joanne K. Rowling dachte sich vielleicht, das sei eine gute Idee, um Kindern die Unvernunt des Rassismus, von zum Beispiel deutschen Nationalsozialisten, zu zeigen. Deutsche Nationalsozialisten glaubten nicht nur an Rassismus, sie sahen ihn auch als wissenschaftlich begründet an. Menschen, die an Verschwörungen glauben, sehen diese auch als wissenschaftlich begründet an.
Joanne K. Rowling schreibt Tweets, von denen sich transidentitäre Menschen und solche, die Twitter Bedeutsamkeit zusprechen, empört und verletzt fühlen. Joanne K. Rowling wollte transidentitäre Frauen nicht Frauen nennen. Joanne K. Rowling glaubte, dass das biologische Geschlecht der Maßstab für die eigene Identität sei.
Die Nazis dachten, dass die Schädelform von Menschen der Maßstab für die Überlegenheit ihrer eigenen Rasse sei.
Joanne K. Rowling war mal eine alleinerziehende Mutter, die von Sozialhilfe lebte.
Joanna K. Rowling erschaffte Literatur, und konnte so in die gehobene Mittelschicht aufsteigen. Durch ihre Bücherreihe Harry Potter gelangte sie in den Besitz von Geld und Macht.
Es war das Geld und die Macht, die die Tweets von Joanne K. Rowling unter transidentitären Menschen und solchen, die Twitter Bedeutsamkeit zusprachen, bekannter machte.
Man könnte sagen, Joanne K. Rowling benahm sich wie ein Arschloch.
Und Twitter verdiente noch dabei.
Das ist Literatur in Zeiten des Kapitalismus.

Literatur in Zeiten des Kapitalismus ist nichts anderes als das Versprechen, alles sagen zu können, wenn einem egal ist, was die Mehrheit der Menschen von einem denken. Alle Bücher, alle Kunst, alles Schöne was wir in Büchern lesen oder zu lesen vorgeben, ist nur Kommunikation mit einem Versprechen, mit dem Arschlöcher Geld verdienen.

Denkbewegungen als Stadt-Land-Gegensatz

Was ist die Bewegung, die Boccaccios Decamerone prägt? Den von der Flucht von der Stadt aufs Land!
Es ist die Bewegung derer, die es sich leisten können, auf die damalige Pest zu reagieren. Fernab der Städte zu warten, bis das Schlimmste vorbei ist.

Und obwohl das Leben nicht so gefährdet sei, wie bei der Pest, so kochen die Städte scheinbar über vor dem heißen Zwist über Überlebenssorgen und Vergnügungsgelüsten, wie uns die Jugend von Frankfurt und Stuttgart bisher demonstriert haben. Auch jetzt mag man im Geiste das Leben auf dem Land, dem Leben in der Stadt vorziehen.

Die Stadt ist das, was im Denken das Zentrum, die Konzentration, die Perfektion ausmacht. In diesen Kontexten muss verwaltet, verzweigt und professionalisiert werden. In den Städten teilen sich die Kontrolle, die Vermischung und die Identität als Phänomen mit.

Eine Stadt ermöglicht in den modernen Zeiten einen Regierungs- oder Handelssitz. Indem von ihr die Kontrolle, aber auch die Macht ausgehen oder bzw. diese repräsentieren soll, zentriert die Stadt die Gedanken zu Handlungen, die Kontrolle oder Macht ausüben sollen.

In der Stadt konzentrieren sich viele Quantiäten: Kompetenzen, Güter und Menschen. Indem sich aufgrund der ersten Bewegung des Zentrierens viele Menschen zueinanderfinden. In dieser Konzentration findet das, was wir „Elite“ nennen eine Anwendung. Das Höchste, das Beste aus einem Gebilde, einer Nation, soll darin abgebildet sein. Sozusagen der Kopf.

Die Perfektion folgt auf diese Konzentration. Indem man das Beste verorten kann, will man Tätigkeiten, Künste und Objekte purifizieren. So wird das beste Subjekt zur besten Performanz.

Und hier sei das Land die Gegenbewegung? Bedeutete diese Erscheinung nun die Peripherie, die Auflösung, der absolute Ausgleich?
Das wäre nur eine holzschnittartige Abbildung des Denkens. Es wäre der Fehler, den Gegensatz eines Gedankens als seine Bewegung davon weg zu verstehen.

Nein, daher – und deswegen sei die Pandemie und damit Corona herbeizitiert – blicke man auf das Dorf als eine Reaktion auf das irritierte, gestörte Denken. Das Denken mit und durch eine Krankheit.
Die drei Denkphänomene werden nicht wirklich aufgegeben. Die Zentrierung verliert sich, überlebt sich aber nicht. Stattdessen sucht sie sich nach deren Irritation eine größthöhere Ebene. Die Zentrierung verliert sich, löst sich aber nicht auf.
Was ist mit der Peripherie? Die Flucht aus der Stadt in das Dorf als Reaktion auf eine Pandemie ist schwerlich als das abzutun, was es ist. Aber was ist das Zentrum anderes als ein Punkt, von dem die Flucht ausgeht? Doch man wird nicht umhin kommen, dass wir automatisch zu wissen meinen, wenn wir das Zentrum verlassen haben. Daher muss es in unserer Denkbewegung noch existieren. Und weil das Zentrum in seiner Einzigkeit immer noch existiert und wir uns durch die Distanz zu ihr definieren, überwinden wir das Zentrum in der Peripherie nicht. Die Erzähler*innen im Decamerone bleiben in ihrer gedanklichen Bewegung in der Stadt, weil der Kontext des Erzählens, die Motivation des Erzählens das Zentrum ist und bleibt.
Zuletzt, die Perfektion, man mag sie im Zuge der Covid-19-Pandemie überwunden glauben. Vorbei schien die Globalisierung, in der Lieferketten nur von manchmal einer Fabrik abhängig waren. Dies geschah im Rahmen von einer Perfektion von Kosten- und Produktionseffizenz. Doch die Bewegung zu einer Angleichung von Produktion oder Abschwächung gibt es nicht. Ist der Trieb des Kapitalismus – Profite zu erzielen und Arbeitsteilung zu – durch eine Pandemie gebrochen? Man darf sich keine falschen Vorstellungen über den Charakter dieser Krise machen – nicht ohne aus den Erfahrungen der früheren Krise gelernt zu haben. Das Versagen der Finanzwirtschaft und ihre internationale Kontrolle konnte keine Regierung davon abbringen, die Freiheit der Wirtschaft und die Idee des Privateigentums als Irrlehren abzuwerfen. Nun wäre also die Frage zu stellen, wieso das Versagen des Gesundheitssektors und seiner internationalen Kontrolle eine andere Reaktion hervorrufen soll.

Und hier kommt die eigentliche Denkbewegung. Wie wir das Bewusstsein im Verlauf dieser Krise in uns formen, ist die wirkliche Reaktion auf unsere früheren geistigen Zustände. Und den wirklichen Unterschied wird vielleicht einer erkennen der fragt: Was hat diese Krise zu etwas außergewöhnlichem gemacht? Etwas, das den Trend des Land-Stadt-Gegensatz wahrlich in sein Gegenteil umschlagen lässt?

Von Gläubigen und Vernünftlern

Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.

Blaise Pascal

In Krisenzeiten zeigt sich mancher Mensch von seiner besten, ein anderer von seiner schlechtesten Seite. Dass die jetzige Zeit sich besser wie dazu eignet, ausgelutschte Kalendersprüche neu nutzbar zu machen, zeugt vielleicht von seiner Wahrheit oder von der Schärfe der Krise – im schlimmsten Falle von beidem.

Warum ist das hier eine Krise?
Wahrscheinlich deswegen, weil sich eine wahrhaftige Krise – anders als ein reines Diskurs- oder Sprachphänomen – nicht gleichzeitig präsentiert. Weil eben das Auftreten von Pandemie-, Wirtschaftseinbrucherscheinungen und Lockdownmaßnahmen überall auf der Welt, aber in unterschiedlichsten Phasen und Zeiträumen zeigt, kann man von einer wahrhaftigen Krise ausgehen, deren Erscheinen nicht von der menschlichen Wahrnehmung abhängig ist. Die kollektive Bewegung – sogar in Weißrussland – die eine Pandemie antizipiert, reicht für alle menschliche Handlungen, diese Krise als wahr zu bezeichnen.

Das das obige Zitat seine Wahrheit behält liegt dann darin, dass sich die Wahrnehmung und der Umgang mit dieser Krise einigen menschlichen Konstanten fügt, die schon immer so seit der Beginn von Zivilisation und Kultur gewesen sind.

Die letzten Monate dieser Pandemie haben aus den menschlichen Gesellschaften zu weniger Verbrüderung und zu mehr Verfeindung geführt. Als Grundlage für diese Beobachtung nehme ich, dass die Pluralisierung in der Gesellschaft enorm reduziert wurde. Weil die Pandemie notgedrungen das einzig bestimmende Thema wurde, werden politische Fragen meist vor einem Hintergrund zu früh gelockerter Beschränkungen und zu stark gehemmter persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit diskutiert. Es ist deswegen nachvollziehbar, weil es alle Menschen und alle Unternehmen, Gruppen und Zusammenschlüsse unmittelbar in ihren Tätigkeiten einschränkt. Es ist tragisch, weil alle anderen politischen Differenzen vordergründig zweitrangig geworden zu sein scheinen. Ob Tönnies, die EU-Corona-Hilfe oder der Wahlkampf in den USA (um nationales, kontinentales und globales zu nennen) werden anhand dieser Frage ausgerichtet, inwiefern sie der Pandemie angemessen sind oder nicht. Sogar die noch weit in der Zukunft liegende Bundestagswahl soll sich wohl vor allem daran entscheiden, welcher Spitzenkandidat die Pandemie am Besten verwaltet hat.

Doch was sagt es über unsere Gesellschaft, über die Menschen aus, unsere Vielfalt von Meinungen derart zu reduzieren?

Zum einen werden in Teilen der Gesellschaft die Meinungen wieder heterogener. Die enorme Komplexität von globalen Lieferketten hat sich ähnlich reduziert wie die Komplexität von politischen Vorstellungen und Ideen. Mal ehrlich: Wer vertritt in der Öffentlichkeit denn noch ein politisches Konzept außer vielleicht eine nachhaltige Umwelt? Was nur eine wenig diverse politische Landschaft darstellt.
Zum anderen werden jene Menschen, die eigentlich eine andere Meinung haben, viel stigmatisierter. Wem schenkt man denn noch das Gehör eines Skeptikers von Corona oder von jemandem, der die Corona-Einschränkungen ablehnt? Diese Stimme sind auch notwendige Teile eines demokratischen, pluralistischen Gesprächs, an dem wir den Anspruch unseres Gemeinwesens messen müssen. Die Vereinzelung und Ablehnung all jener, deren Einschätzung eher den Regierungen Schwedens oder Großbritanniens entspricht, sorgt nur dafür, dass diese Menschen den Eindruck erhalten, eine böse unergründliche Macht wende sich gegen Sie.

Diesen Eindruck erhalte ich, da ich zuallererst die Moral eines Menschen zu erkennen versuche, wie er seine Maske trägt, den Mindestabstand einhält und sich generell reinlicher verhält. Das Problem ist nur, dass diese Wahrnehmung und Einstellungen (die ich jetzt dilettantisch auf eine große Mehrheit übertrage), den Frame Gut-Sauber und Schlecht-Dreckig aktiviert, den viele Menschen intuitiv sehr gut nachvollziehen können. Je mehr sich dieser Frame vervollständigen kann umso „natürlicher“ empfinden wir unser neues Verhalten. Wir meinen, mit Masken und Hygienemaßnahmen Menschen zu Engeln machen zu können und machen sie dabei zu Tieren. Denn da ich nicht sehen kann, wo und wer krank ist oder sich infiziert hat, benutze ich meine Frames, um die eigene Unsicherheit zu reduzieren. So ausgeschlossene Menschen sind empfänglicher für Verschwörungstheorien. Eben jener Verschwörungsglaube, der Menschen in die Wahlkabinen für Donald Trump oder die AfD treiben. Der springende Punkt dieses Glaubens, dieser Erzählungen sind, dass sie Emotionen ansprechen und eine vernünftige Diskussion über Politik unmöglich machen sollen. Wo der Raum der Pluralisierung kleiner gemacht wird, ist der Drang, Gehör und Anschluss finden zu wollen umso größer.

Es ist noch nicht zum neuen Normal geworden, dass diese Pandemie nun zu unserem Alltag gehört und Technik und Fortschritt uns nicht einfach auf einer magischen Wolke in die Zukunft retten werden. Ganz gleich, welche Ressourcen aufgewendet und welche Innovationen hervorgebracht werden, unser Denken lässt sich nicht einfach auf einen anderen Zustand zurücksetzen. Die politischen Bewertungen, die aktivierten Frames, die gesellschaftlichen Verwerfungen und Konflikte um Corona-Leugner, die Schuldfrage (die menschlicher Eigenschaften wegen gestellt werden wird) und das sich einstellende Gefühl, was für soziale und ökonomische Kosten die Pandemie gefordert haben wird: Das alles wird nicht von jetzt auf gleich, sondern in einer „Sattelzeit“ offenbar. Welche Verschiebungen und Neubesetzungen von Begriffen, Werten und Ideen diese Zeit mit sich bringt, dies kann man sich unter einem anderen Zitat von Pascal vorstellen:

Wir rennen unbekümmert in den Abgrund, nachdem wir irgendetwas vor uns hingestellt haben, das uns hindern soll, ihn zu sehen.

Blaise Pascal